Zur Bindung des Weiheamts in der katholischen Kirche an das männliche Geschlecht

 Wenn die Kirche bislang „in keiner Weise die Vollmacht“ sah, Frauen die Priesterweihe zu spenden, sei es jetzt womöglich der Heilige Geist, der ihr durch die massive Missbrauchskrise das Signal hierzu gebe – so wurde es bei den Hearings des Synodalen Weges im Februar 2021 geäußert. Allerdings: Die lehramtliche Position fußt nicht nur auf dem Fehlen eines expliziten Auftrags, sondern auf einer Gesamtschau von Schöpfungs- und Erlösungs-ordnung, innerhalb derer sich die Verknüpfung von Weiheamt und männlichem Geschlecht nahelegt. Diese Ordnung, dieses Grundprinzip kann man als Sakramentalität bezeichnen. Wenn man begreift, welchen zentralen Platz hierin die Differenz der Geschlechter einnimmt, versteht man andererseits die Gefahr einer Funktionalisierung des kirchlichen Amtes.

von Lorenz Rösch

Sakramentalität bedeutet: irdische Dinge oder Vorgänge werden durchsichtig und durchlässig für Gottes Wesen und Tun. Und zwar durch Gottes Initiative, aber basierend auf einer wahrnehmbaren tatsächlichen Entsprechung (Analogie) zwischen Ding oder Vorgang und Glaubenswirklichkeit. Dabei sind im Wesentlichen zwei Ebenen zu unterscheiden: die der Schöpfung und die der Heilsgeschichte. Auf der Ebene der Schöpfung ist zu bedenken, dass die erbsündliche Gebrochenheit auch deren sakramentalen Charakter verunklaren kann, bzw. den Blick dafür trüben kann. Es braucht daher einen „desinteressierten“, kontemplativen Blick auf die Wirklichkeit. Auf der Ebene der Heilsgeschichte muss zum Zeichen von vornherein das vereindeutigende Wort treten, das – über den Schöpfungsbezug hinaus – eben diese Geschichte in Erinnerung bringt und das Geschehen in sie einordnet.

Sakramentalität der Schöpfung und des Geschöpfs Mensch

Zunächst ist es die gesamte natürliche Welt – im Großen und im Kleinen –, die sich als „geschaffen“ zu erkennen gibt. Alles, was existiert, verweist den erkennenden Menschen auf eine vorausliegende schöpferische Macht, die er Gott nennt und der sich offenbar alles verdankt. Nichts existiert aus innerer Notwendigkeit, aber von Gott her empfängt alles und jedes sein Dasein und seinen Platz im Ganzen des Kosmos.

Innerhalb von Gottes Schöpfung ist nun – so die biblische Schöpfungserzählung – der Mensch selbst das „Bild“ Gottes, also das Wesen, das Gott in besonderer Weise vergegenwärtigt und in seinem Sinne zu wirken befähigt ist. Und zwar bezieht sich diese Aussage nicht nur auf jeden einzelnen Menschen, unabhängig vom Geschlecht, sondern auf den Menschen gerade auch in seiner Zweigeschlechtlichkeit – „männlich und weiblich erschuf er sie“. Solche Geschlechtlichkeit durchzieht die ganze belebte Natur und trägt wesentlich zu ihrer „beredten“ Schönheit bei. Beim Menschen gewinnt sie noch größere Bedeutung: so wird sie zum Sprach-Arsenal für das liebende „Erkennen“ eines ganz bestimmten Anderen.

Weiblich und männlich bezeichnet aber nicht nur eine je eigene Art und Weise, auf mögliche Partner des anderen Geschlechts bezogen zu sein – bis hin zu den Archetypen von Braut und Bräutigam. Weiblich und männlich steht vor allem für eine je eigene Art und Färbung ihrer eigentlichen „Selbstverwirklichung“, nämlich in der Stiftung und Förderung von wieder anderem Leben. Dies entfaltet sich in der Archetypik von Mutterschaft oder Vaterschaft – offener formuliert: indem jemand anderen gegenüber „wie eine Mutter“ oder „wie ein Vater“ ist und handelt.

Zwar können im konkreten Fall stets Männer auch mütterlich und Frauen auch väterlich wirken. Doch ist ihnen der jeweilige Grundtypus „auf den Leib geschrieben“: Leben empfangen, nähren, gebären, hegen – Mutterschaft, oder Leben zeugen, überwachen, versorgen, zum Wachstum herausfordern – Vaterschaft. In der familiären Ur-Konstellation Mutter-Kind-Vater ist die Vater-Rolle eher im Randbereich angesiedelt – am Anfang mit dem Zeugungsakt, später wieder mit dem Eingeweiht-werden in die bereits bestehende Mutter-Kind-Einheit, um sie zu schützen, aber sie auch zu erweitern und über sich hinaus zu öffnen.

Sakramentalität eignet der menschlichen Geschlechterdifferenz natürlich nicht in dem Sinne, dass sie auf eine Geschlechterdifferenz in Gott verweisen würde, wohl aber, indem sie eine Unterschiedenheit von Personen bzw. Rollen in Gott widerspiegelt. Die aber ist Voraussetzung für ein innergöttliches Beziehungs-“Leben“, wie es sich erstmals im Zusammenhang der biblischen Schöpfungserzählung andeutet – in dem einvernehmlichen Entschluss: „Lasst uns Menschen machen…“.

Heilsgeschichte und die Sakramente des Bundes

Eine zweite Ebene von Sakramentalität kommt dadurch ins Spiel, dass der Schöpfergott in das Leben von bestimmten Menschen getreten ist, sich auf eine gemeinsame Geschichte eingelassen hat und einen Bund mit ihnen eingegangen ist. Die Bundesgeschichte gipfelt im Kommen des „Sohnes“ Gottes in Gestalt des Menschen Jesus, als unüberbietbares Bild und Organ (Sakrament) Gottes. Durch sein Sterben und Auferstehen hat er den „Neuen Bund“ begründet; die Bundesgemeinschaft Kirche ist zugleich Frucht und Empfängerin, Zeichen und Werkzeug (Sakrament) dieses Bundes. Um ihn konkret darzustellen und für Einzelne aktuell erlebbar zu machen, sind ihr wiederum bestimmte Gesten – verknüpft mit Gaben der Erde und menschlicher Arbeit – als wirksame Zeichen (Sakramente) gegeben.

Zwei Sakramente gehen über diese Beschreibung hinaus; es sind die Sakramente, die einen Lebensstand begründen: Die Ehe von zwei Menschen, die sich als Teil der Bundesgemeinschaft wissen, wird „zur Würde eines Sakramentes erhoben“ und vermag den Bund zu vergegenwärtigen. Und: Der Kirche ist eine Art von Amt mit auf den Weg gegeben, das über die Funktion der „Sakramentenverwaltung“ hinausreicht, vielmehr seinerseits sakramental den Herrn und Stifter des Bundes zur Geltung bringt.

So ist das sakramentale Amt für die Sakramentalität der ganzen Gemeinschaft von grundlegender Bedeutung.

Das Weiheamt und konkret der geweihte Amtsträger vergegenwärtigen dabei nicht nur die Person Jesus Christus, der Mann war und – so der Glaube – auch ist; sie vergegenwärtigen zugleich seine spezifische Rolle gegenüber der Bundesgemeinschaft Kirche: eine Rolle, die primär dem Typus der „Vaterschaft“ entspricht. Seine Eigenschaft als „Bräutigam“ (die oft isoliert genannt wird) ist der Vaterschaft ein- und zugeordnet: Der Neue Bund zwischen Jesus Christus und seiner Kirche zielt ja über sich hinaus auf „Fruchtbarkeit“: auf die Versöhnung der Welt mit ihrem Schöpfer. Jesus ist „Vater der kommenden Welt“ (aus der Litanei vom Heiligsten Namen Jesu).

Wo Menschen sich aus der Entfremdung von Gott heimholen lassen und am Wesen Jesu als „Sohn“ Anteil gewinnen, beginnt zugleich die Heilung der in sich verfeindeten Welt. Es geht dabei also stets auch um die Wiederherstellung der ursprünglichen Sakramentalität der Schöpfung. Was da zunächst am glaubenden Menschen geschieht, wird vom Neuen Testament auch als „Neuschöpfung“ beschrieben; gemeint ist folglich jedoch nicht eine Entleerung, Entwertung oder Einebnung des Einzelnen und seiner schöpfungsgemäßen Eigenart und Zuordnung zum Ganzen. Es gilt: „Die Gnade zerstört nicht die Natur, sondern setzt sie voraus und vervollkommnet sie.“

Der Satz von Paulus: „Es gibt nicht mehr… Mann und Frau; denn ihr alle seid einer in Christus Jesus“ ist nur in diesem Horizont richtig zu verstehen: Erlösung vom Konflikt nicht durch Auflösung der Verschiedenheit, sondern durch Heilung von Argwohn und Abwertung, so dass die Verschiedenheit – als Polarität – ihre positive Kraft entfalten kann.

Kirche: Sakrament des Heils durch Struktur und Innenleben

Die Kirche hat Gottes Heil nicht nur zu verkünden und funktional auf es hinzuwirken, sondern dessen „Sakrament“ zu sein: Dies gilt für die Kirche als Kirche, nicht nur für die Individuen, aus denen sie aktuell besteht, sondern die Kirche mit ihrer institutionellen Ordnung. In dieser Ordnung spiegelt sich – idealerweise – die versöhnte Komplementarität der Geschlechter. In ihr kommt sakramental zur Geltung, dass sie nicht selber der Ursprungsort des Heils ist. Und in ihr bringt sie die Person und Rolle dessen zum Ausdruck, von dem sie das Heil empfängt.

Analog zum Vatertypus hat das Weiheamt den Grundauftrag, das Voraus und Gegenüber des Herrn zu seiner Kirche zu repräsentieren: Christus als ihr Urheber, ihr Haupt und ihr Anführer auf dem stets weiter voranzugehenden Weg. Die Hauptsache hingegen spielt sich eher im Innenraum der Kirche ab: ihre Berufung, ein Beziehungs-Netzwerk zu sein, in dem Leben geteilt und Gottes Leben mitgeteilt wird; ein Netzwerk von Orten der gegenseitigen Stärkung und Begleitung, das jedem Glied wachsen hilft in der je persönlichen Jesusjüngerschaft. Dazu braucht es ein „mütterliches“ Klima, das von vielen weiteren Diensten und Rollenträgern und -trägerinnen lebt. Die Stellung des ordinierten Amtsträgers ist demgegenüber buchstäblich „marginal“.

Für die Lebendigkeit und den Aufbau des kirchlichen Lebens kommt es darauf an, dass jeder Christenmensch, ob Frau oder Mann, sich die persönliche Taufwürde zu eigen macht und die Teilhabe am Priestertum, Prophetentum und Königtum Christi auf ihm gemäße Weise entfaltet. Dabei gehört die Prägung durch das jeweilige Geschlecht immer mit dazu. Nicht zuletzt darin liegt der Reichtum der Tauf-Begabungen, dass es auf dieser Ebene immer schon Hirten und Hirtinnen, Prophetinnen und Propheten gibt und das allgemeine Priestertum bei der einzelnen Person seit jeher eine weibliche oder männliche Färbung angenommen hat.

Ohne Frage gibt es – über diese gemeinsame Basis hinaus – auch unter den Frauen in der Kirche solche, die eine natürliche Befähigung zum Weiheamt besitzen. Und es kann auch gar nicht ausbleiben, dass manche Frauen eine Faszination für den Priesterberuf entwickeln und dass manche dies auch als innere Berufung und Bestimmung erleben. Im modernen Denkhorizont der Gleichberechtigung und der Egalisierung ist es naheliegend, für sie den tatsächlichen Zugang zum Amt einzufordern. Man kann ein solches inneres Erleben für sich schon als hinreichenden Imperativ deuten, sollte jedoch bedenken, dass auch bei Männern, aufgrund von anderen entgegenstehenden Kriterien, ein solches Erleben nicht immer zu einer – entsprechenden – kirchlich anerkannten Berufung führen kann und darf.

Man kann grundsätzlich auf die Gaben von geeigneten Frauen verweisen, die der Kirche durch deren Ordinierung besser zugute kämen. Und im aktuellen Kontext kann sich die Frage aufdrängen, ob nicht eine Geschlechtermischung im Klerikerstand helfen würde, ungute Milieubildungen zu verhindern. Es muss jedoch klar gesehen werden, dass damit an einer zentralen Stelle die Logik der Sakramentalität geopfert würde zugunsten einer Logik der Funktionalität.

Wenn dies aktuell anscheinend für eine Mehrheit im Kirchenvolk gar kein Problem darstellt, ist das seinerseits eine Problemanzeige dafür, wie weit ein der Kirche eigentlich fremdes funktionales Denken bereits in sie Einzug gehalten hat und als normal bzw. normativ verstanden wird. Weil es in Wahrheit um eine Frage der Identität geht, kann es in dieser Lage heilsam sein, dass bereits mit hoher Verbindlichkeit festgeschrieben wurde, „Ecclesiam facultatem nullatenus habere – dass die Kirche in keiner Weise die Vollmacht hat, Frauen die Priesterweihe zu spenden“ (DH 4983).

Es wäre wichtig zu verstehen und verständlich zu machen, dass es hier – positiv – in erster Linie darum gehen muss, dem übergreifenden Schöpfungs- und Heilsplan Gottes treu zu entsprechen. Darüber hinaus kann aufgezeigt werden, dass gerade in einem Kontext, wo Menschen allenthalben auf Funktionen reduziert werden, schon das Aufrechterhalten des Prinzips der Sakramentalität in sich einen heilsamen Dienst am Menschen darstellt; und dass speziell das Festhalten an der vollen Bedeutung der menschlichen Zweigeschlechtlichkeit (bei aller Anstößigkeit) not-wendig und segensvoll für eine Kultur sein kann, in der die immer größeren Möglichkeiten und Zwänge zur Selbstkonstruktion die natürlichen Identifikationspunkte überdecken und den Einzelnen in eine seelische Verlorenheit treiben.

Ein zur geschlechtsneutralen Funktion reduziertes Weiheamt würde insbesondere die fatale „Vaterlosigkeit“ innerhalb moderner Gesellschaften reproduzieren. Kirche soll jedoch heilsamer Gegen-Ort sein, wo die männliche Ur-Berufung zur Vaterschaft auch im institutionellen Gesicht und auf den verschiedenen Ebenen der Gemeinschaft ihren Platz hat. So kann sie der destruktiven Ortlosigkeit männlicher Energie heilsam entgegenwirken. Sie wird auf diese Weise letztlich mehr Gutes bewirken, als wenn auch sie – zwar politisch korrekt – für solche Energie nur mehr Spott (Stichwort „Testosteron“) und Ausgrenzung übrig hätte.

Priester als geistliche Väter

Die betonte Verknüpfung von Weiheamt und Vaterschaft spiegelt sich in der Breite der kirchlichen Tradition: seit der frühen Zeit werden geistliche Amtsträger in vielen Varianten mit „Vater“-Titeln angesprochen. Und dies, obwohl das Jesuswort aus dem Matthäusevangelium stets bekannt war: „Ihr sollt niemanden auf Erden euren Vater nennen.“ Zunächst ist es schon der Apostel Paulus, der sich seinen Gemeinden gegenüber („in Christus“) in einer Vater-Rolle sieht – deren Ausübung zum Teil auch mütterliche Züge annehmen kann. Dies stellt zumindest eine gewisse Vorlage dar, um später den Bischof und dann auch die Priester als „Väter“ anzureden.

Vielleicht ist bei dem Jesuswort das Pronomen wichtig: „euren“ Vater – so umfassend kann dies nur einer sein. Nicht einmal Jesus selbst beansprucht an dieser Stelle eine solche umfassende Vaterschaft.  Wohl aber bringt er sie „sakramental“ zur Geltung. Und dasselbe verlangt er auch von seiner Jüngergemeinschaft: dass jede Vater-Rolle bewusst partiell bleibt, dadurch auch transparent sein kann auf ihn und mittelbar auf den gemeinsamen Vater hin. Den Vorgaben Jesu folgend wird das Amt ohnehin zum nüchternen Dienst-Amt; dabei bleiben die Amtsträger ihrerseits auf den Dienst der „Kleinsten“ angewiesen und müssen bereit sein, sich von ihnen korrigieren und formen zu lassen.

Bezogen auf den Vater-Archetypus sind im Weiheamt die Zerrformen eines machtbewussten Patriarchentums oder eines klein und abhängig haltenden Paternalismus‘ fehl am Platz. Es braucht Männer auf dem Weg zur Reife, die Mitchristen und Gemeinden auf dem Weg zur Reife begleiten können. Wo dies das Leitbild ist, werden jedenfalls Abirrungen wie die Kumpelhaftigkeit eines „großen Jungen“ oder Phantasien von einer Verkörperung des Bräutigams Christus gegenüber Einzelnen kaum Raum finden. Hingegen wird dies authentische Vater-Energien wachrufen und anziehen, die sich wiederum positiv auf die Berufung von Männern wie von Frauen auswirken werden. Von solcher geistlicher Vaterschaft haben wir in der Kirche aktuell eher zu wenig als zu viel.

Antworten auf die Krise

So real die Gefahren sind: die Antwort kann und darf nicht in einer gender-konformen „Neutralisierung“ und Funktionalisierung des Amtes liegen. Dies käme einer spiritualistischen (gnostischen) Einebnung der Schöpfungswirklichkeit gleich, die auf diesem Wege gerade nicht geheilt werden kann. Diese Antwort kann nur in intensiver geistlicher Unterscheidung und Begleitung, in strukturell verankerter Einbindung und Rückbindung, in einem neidlosen, respektvollen Zusammenwirken und gegenseitigen Sich-Ergänzen liegen.

Wenn die Kirche demnach aus gutem Grund beim Weiheamt selbst keine Vollmacht zur Öffnung sieht, so hat sie diese Vollmacht durchaus, und sollte sie ergreifen, in Bezug auf die Aufgabe, quasi-amtliche Profile für das Wirken und Mitgestalten von Frauen in der Kirche auszubauen – auch ausdrücklich im Bereich der „Seel(en)sorge“, sprich: der ganzheitlichen Menschensorge. Gleichzeitig müssen verstärkt Lebensbedingungen und Lebensrahmen gefunden werden, die ein alltägliches Miteinander der Männer und Frauen in Diensten und Ämtern auf breiter Basis ermöglichen.
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Lorenz Rösch ist Priester der Diözese Rottenburg-Stuttgart, tätig als Pfarrvikar in der Seelsorgeeinheit „Seegemeinden“ am Bodensee

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