Wie wir mit dem Menschen umgehen sollen, und wie wir dabei unsere Freiheit auf gute Weise nutzen, über diese Fragen denken Theologen und Philosophen im Bereich der Ethik / Moraltheologie nach. In der klassischen Moralphilosophie hat sich die Denkform des „Naturrechts“ herausgebildet, die in der Moraltheologie weiterentwickelt wurde: Meine „Natur“ gibt Hinweise darauf, wie mich andere und ich mich selbst behandeln sollte, damit unser Leben nachhaltig gut gelingt.

Die Natur des Menschen – das Wesen des Menschen ist dynamisch

Der Begriff „Natur“ hat viele Bedeutungen; hier ist mit „Natur“ nicht die „Landschaft“ oder das „Biologische“ gemeint, sondern das „Wesen“ des Menschen. Dieses Wesen ist nichts Starres und wir erfahren es nicht als ein bloßes äußeres, kaltes Faktum. Äußere Fakten können wir objektiv beschreiben, z. B. anatomische, physiologische oder psychologische Befunde an uns (weibliche Geschlechtsorgane, niedriger Blutdruck, niedergeschlagene Gefühle usw.). Damit können wir aber noch nicht wissen, was wir damit tun sollen; aus den äußeren Fakten folgt keine Ethik.

Aber in uns haben wir eine Innenerfahrung von uns selbst, erfahren unsere Ganzheitlichkeit und Dynamik. Die Natur oder das Wesen des Menschen ist eine dynamische Einheit von Leib, Seele und Geist. Sie bildet die Grundlage, weshalb wir uns auch in andere Menschen einfühlen können. Auch diese Ganzheitlichkeit ist kein starres Faktum, sondern entfaltet sich in unserer Biographie vom Embryo-Sein bis zum letzten Atemzug dynamisch und muss von uns aktiv verwirklicht werden. Weil wir nicht instinktgebunden festgelegt sind auf einen vorgegebenen Lebensweg, sind wir moralische Wesen, die sich entscheiden müssen. Nur wir Menschen fragen danach, wie das Leben gut gelingen kann, wie es sein soll.

Leib-Seele-Geist-Ganzheitlichkeit und unser Handeln

Die „Natur“ des Menschen als Leib-Seele-Geist-Ganzheit zeigt uns, wie wir unser Handeln strukturieren können, um im Licht des Guten zu leben und das Leben glücken zu lassen. Wir erleben, wie man sein eigenes Leben – und das anderer – auch zerstören kann, indem man seine inneren Dynamiken und Strebungen nicht integriert; wenn man z. B. Geistseele und Leib (Körper) trennt, statt unser Innen und unser Außen in guter Balance zu halten. Das zeigt uns schon die psychosomatische Medizin: Wenn ich seelischem Stress ausgesetzt bin, kann ich körperlich krank werden. Wenn ich meinen Körper überstrapaziere, leidet auch meine Seele.

Sklaverei ist gegen die Natur des Menschen

Der Mensch ist ein geistiges Freiheitswesen, die Freiheit ist in ihm grundsätzlich von Gott gegeben und auf Gott hin angelegt. Der Mensch kann frei-willig das Gute tun. Damit er das umsetzen kann, darf und soll ihn keiner als Sklaven behandeln, ihn also nicht zum Guten oder Schlechten zwingen. Das wäre gegen seine Natur. Umgekehrt sollte auch der Mensch selbst nicht alles mit seiner Leib-Seele-Geist-Natur machen, was er sich so ausdenken kann. Seine eigene Natur gibt seiner Freiheit eine Struktur; anders formuliert: Gott hat als Schöpfer in die Natur seines Geschöpfes Mensch eine bestimmte Art von Freiheit eingewoben. Der Mensch darf daher weder seinen Leib noch seine Seele oder seinen Geist so behandeln, als ob sie tote oder neutrale Materialien wären. Denn in seinem Leib, seiner Seele, seinem Geist ist ein Sinn erkennbar: z. B. wird an der seelisch-geistigen Natur des Menschen als Beziehungswesen und den leiblichen Geschlechtsorganen der sinnvolle Umgang mit Sexualität vom Phänomen her deutlich – für alle Menschen, nicht nur für Katholiken.

Dennoch versucht der Mensch, an sich selbst Leib, Seele und Geist zu manipulieren, bzw. diese Dimensionen zu desintegrieren, zu fragmentieren, wenn z. B. Sexualität von hingebungsvoller Liebe getrennt wird.

Manipulationsversuche an unserer Natur – Neuro-Enhancement

Beispiele für diese Manipulationen, die sich gegen die Integrität der eigenen Natur richten, sind z. B. im modernen „Neuro-Enhancement“ zu finden, umgangssprachlich undifferenziert „Hirn-Doping“ genannt. Dabei geht es um eine Steigerung z.B. der kognitiven Fähigkeiten: Manche Studenten manipulieren sich durch Psychopharmaka für ihre Prüfungen. Es geht dabei um eine Optimierung der Konzentrationsfähigkeit, der emotionalen Motivation, der Beweglichkeit, der stimmungsmäßigen Befindlichkeit usw. Der Drogensüchtige manipuliert seine emotionalen Stimmungen. Aus dem Sport kennen wir den missbräuchlichen Versuch, durch „Doping“ die physisch-motorischen Leistungen zu steigern, usw. Hierbei wird eine Veränderung der eigenen Natur vorgenommen, die nicht mehr – wie beim gelegentlichen Alkohol-Trinken von Erwachsenen außerhalb der Schwangerschaft und Stillzeit – ohne zerstörerische Nebenwirkung (Sucht, Stimmungsabbruch, Zerstörung von Gehirnzellen) positiv in die eigene Natur integriert werden kann.

Zerstörerische Nebenwirkungen – Transsexualität

Im gegenwärtigen Trend, schon Kinder und Jugendliche durch Pubertätsblocker und später gegengeschlechtliche Hormon-Pharmazeutika darin zu bestärken, vom angeborenen Geschlecht in das andere „zu wechseln“ (Transsexualität), wird die zerstörerische Nebenwirkung – mögliche Unfruchtbarkeit – billigend in Kauf genommen. Dabei ist es in der Pubertät und sogar bis Mitte/Ende Zwanzig normal, sich mit dem angeborenen Geschlecht unwohl zu fühlen, bis durch einen psycho-sozialen Reifeprozess die eigene Geschlechtsidentität positiv angenommen und nicht mehr abgelehnt wird.

Noch stärker wird der eigene Leib als „neutrale Materie“ betrachtet und gegen die eigene Natur gehandelt, wenn die angeborenen gesunden Geschlechtsorgane operativ entfernt werden (Penis-, Gebärmutter- und Brustamputation). Es ist eine Illusion, durch Hormonbehandlung und Operationen sein Geschlecht zu ändern, da diese Eingriffe (an einem gesunden Menschen) die leiblichen, jedoch nicht die seelischen inneren Dimensionen betreffen. Zudem sind Organe – unabhängig von den Geschlechtsorganen – in Männern und Frauen unterschiedlich angeordnet und bleiben das auch nach der Transition („Frauenherzen schlagen anders“)[1].

Der Leib ist weder Materie, die man beliebig zurecht schnitzen kann, noch eine „tabula rasa“ oder „leere Festplatte“, auf die man unterschiedliche Programme kopieren kann. Wenn ein Mädchen einer Hormonbehandlung und Brustamputation unterzogen wurde, wird sie danach wahrscheinlich nicht wieder Kinder bekommen bzw. falls doch, sie zumindest nicht stillen können. Ein Teenager ist entwicklungspsychologisch jedoch nicht in der Lage, solch weitreichende Entscheidungen überblicken zu können.

Bedeutungs-Verwirrungen

Nicht nur die offensichtliche Zerstörung von Leib-Organen durch das Skalpell richtet sich gegen unsere menschliche Natur, sondern schon die Bedeutungs-Veränderung durch Sprache. Nach dem neuen Transsexuellen-Gesetz soll ein 14-jähriger Teenager sagen können, dass er jetzt ein Mädchen sei (Transgender), wodurch – ohne Einverständnis der Eltern – der Name und das Geschlecht, auch ohne psychologische Beratung und ohne transsexuelle operative Eingriffe, im Ausweis geändert werden können. Es soll dann strafbar werden – in einigen Ländern ist das bereits so –, sich auf dieses Kind als „er“ zu beziehen, wenn es jetzt eine „sie“ sei. Dann kommen wir zu irrationalen Bedeutungs-Verschiebungen und unsinnigen Begriffen wie einem „weiblichen Penis“.

Menschlicher Geist – Rechenkünstler und „Selbst-Sein“

Ein anderes Beispiel dafür, wie wir mit Menschen umgehen, wenn wir uns nicht an der Natur des Menschen orientieren, ist die Vorstellung, man könne menschlichen Geist von seiner Seele und seinem Leib trennen. Das wird implizit behauptet, wenn man mit Hilfe „Künstlicher Intelligenz“ eine dem Menschengeist ähnliche Software zu entwickeln behauptet, die auf eine Roboter-Hardware programmiert werden soll. Die Denkrichtung des Transhumanismus ist ein Versuch, den Menschen – zumindest seinen Geist – zu verewigen und damit die Grenze des Todes zu überwinden. Menschlicher Geist ist jedoch nicht nur die Fähigkeit, zu rechnen, sondern bedeutet „Selbst-Sein“, Zwecke setzen, sich charakterlich zu entwickeln oder zu verfehlen, Menschen und Gott zu lieben oder zu verachten, letztlich heilig werden zu können.


(Vgl. auch Argumentarium Sexualethik, Nr. 9, 15, 21, 23, 24, 52, 53)

[1] Michaela Döll, Frauenherzen schlagen anders: Warum Frauen in der Medizin falsch behandelt werden und wie sie die richtige Therapie bekommen. Das Buch zum Thema Gender-Medizin, 2020.

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Von Dr. phil. Beate Beckmann-Zöller

 freiberufliche Religionsphilosophin, Familienfrau, Dozentin, Referentin in der Erwachsenenbildung. Autorin von Phänomenologie des religiösen Erlebnisses. Edith Stein und Adolf Reinach“ (2000), Frauen bewegen die Päpste. Hildegard von Bingen, Birgitta von Schweden, Caterina von Siena, Mary Ward, Elena Guerra, Edith Stein“ (2010), „Hingabe und Unterwerfung. Christentum und Islam (2016); ehrenamtlich engagiert in der Gemeinschaft Immanuel Ravensburg e.V.

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