Angesichts einer Osternachtsfeier mit anregendem Chorgesang, gutgemeinter Katechese und dadurch fehlendem spirituellem Tiefgang macht sich Helmut Müller Gedanken über manchen Teilnehmer, der das Vaterunser offensichtlich mitbetet, aber scheinbar das Geglaubte dahinter in Frage stellt. Der Autor setzt ein Glaubenszeugnis dagegen und plädiert für „ora et labora“ im Sinne von Beten UND Arbeiten. Damit zeigt er, wie sich Sonntags- und Werktagschristentum gegenseitig befruchten können.

Die Osternacht sollte eigentlich der Jungbrunnen der Kirche sein. Es kommen leider immer weniger Gläubige, die daraus trinken und Kraft schöpfen. Innerhalb weniger Jahre haben sich die Teilnehmerzahlen bei uns halbiert oder sogar gedrittelt. In diesem Jahr sind es Gottseidank nicht noch einmal weniger geworden. Aber es kommen auch Menschen zur Kirche, die eigentlich gar nicht kommen wollen. Anscheinend kommen sie nur mit zum Gottesdienst, weil Ostern sich dafür eignet, dass auch die Familie mal wieder zusammen kommt. Wenn es in dieser Osternachtsfeier nicht geniale Chorbeiträge gegeben hätte, wäre es statt einem spirituellen Ereignis eine ganz und gar religionspädagogisierte Veranstaltung geworden. Was heißt das? Klar, es war alles gut gemeint. Aber der fehlende Glaube daran, was eigentlich geschieht, sollte auf Kosten der vorgesehenen Lesungen durch eine katechetische Fragetechnik in der Liturgie nachgeliefert werden, was dann allerdings eine spirituelle Vertiefung störte.

Ich ging ernüchtert nach Hause und fragte mich, wie wohl das Grundgebet des Vaterunsers bei jemandem ankommt, der eine solche Katechese benötigt und vielleicht nur unwillig aus familiären Gründen dem Gottesdienst beiwohnte.

Imaginäre Gedanken zum Vaterunser von einem, der nicht glaubt, was er betet.

Vaterunser – „Typisch, die Kirche transportiert das Patriarchat ins Gottesbild.“

Im Himmel – „Der scheint leer zu sein, wenn dieser Gott es zulässt, dass eine junge Mutter beim Ostereiersuchen mit zwei Kindern ums Leben kommt und gleichzeitig paranoide Politiker Kriege führen und begonnen haben.“

Geheiligt werde dein Name – „Nicht zu fassen, warum einem angeblich Allgütigen und Allmächtigen nicht das entgegengeschleudert werden soll, was alles in seinem Verantwortungsbereich an Unheil geschieht.“

Dein Reich komme – „Warum kommt es eigentlich nicht, Zeit ist wirklich schon genug gewesen?“

Dein Wille geschehe im Himmel – „Warum nicht, wenn derselbe leer ist?“

Wie auf Erden – „Wenn mein Wille nicht tangiert wird, dann ja, und der von Autokraten in Politik und Gesellschaft begrenzt wird, okay.“

Unser tägliches Brot gib uns heute – „Dafür sorge ich schon selbst und die anderen sollten das gefälligst auch tun.

Und vergib uns unsere Schuld – „Die Kirche hat wirklich genug getan, dass ich mit einem Schuldkomplex hier sitze, weil es die Familie so will.“

Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern – „Die Kirche soll sich erst mal reformieren und den Schuldkomplex minimieren, der mir durch Erziehung aufgeladen worden ist.“

Und führe uns nicht in Versuchung – „Mit dieser Bitte hat schon Papst Franziskus Probleme gehabt. Die Versuchung besteht doch darin, einem fremden Willen zu folgen, den ich nicht einsehe, statt meinem eigenen nachzugehen.“

Sondern erlöse uns von dem Bösen – „Ja von allen Rechten, Rechtsextremen, Rechtskatholiken, die unsere Demokratie zerstören wollen.“

Amen. – „Eben nicht! Das alles muss ausdiskutiert werden.“

Woran sich Theologen und Philosophen seit Jahrhunderten die Zähne ausbeißen

Was lässt sich dagegen sagen? An der Unheilssituation der Welt würde sich unter einem leeren Himmel rein gar nichts ändern. Im Gegenteil: „Wieviel Unheil könnte durch Menschen beseitigt werden, die durch dieses Gebet Kraft schöpfen?!“ Dass ein zugleich allmächtiger und allgütiger Gott diese Welt regiert, mit all dem Leid, das uns im eigenen Leben und durch Medien entgegenschlägt, daran haben sich Theologen und Philosophen schon seit Jahrhunderten die Zähne ausgebissen. Keine Schärfe der Gedanken, keine noch so große Klugheit von Argumenten kann diesen Widerspruch lösen: Guter und zugleich Allmächtiger und so viel Unheil in der Welt . . . Nur ein Leben im Vertrauen darauf, dass Gott ein guter und zugleich allmächtiger Vater ist, kann dagegen helfen.

Erzählung zum Vaterunser von einem, der glaubt, was er betet.

Mir persönlich hat das Leben eines Menschen, der für mich Vatergestalt geworden ist, geholfen. Dieser Mensch wollte in der Zeit des Dritten Reiches eigentlich Lehrer werden. Weil er aber in der katholischen Jugend tätig war, durfte er nicht studieren und wurde Schlosser. Von 1943 bis zum Endes des Krieges war er als Soldat an der Ostfront eingesetzt und kam in Ungarn 1945 in russische Kriegsgefangenschaft, die er bis 1950 im Kaukasus verbrachte. 1949 ließen die Sowjets kurz vor Weihnachten vermelden, dass die Gefangenen im Lager an Weihnachten zu Hause wären. Weihnachten war bis dahin ein wahrhaftiges Sehnsuchtsfest im Lager gewesen, wo jeder bei den Vorbereitungen beteiligt war. Vom Fertigen des Weihnachtsbaums aus Sperrholz bis zu selbst gedrehten Kerzen waren alle freudig beschäftigt. In diesem Jahr fiel das aus, weil man glaubte, an Weihnachten zu Hause zu sein.
Eine Woche vor Weihnachten kam die Meldung: Ihr bleibt! Nichts mit Weihnachten zu Hause! Mein väterlicher Freund erzählte mir, alle im Lager seien deprimiert gewesen. Zur Weihnachtsliturgie seien nur ein Wehrmachtspfarrer, er selbst und ein weiterer Soldat gekommen. Alle anderen lagen völlig frustriert in den Betten und sagten:

“Wir kommen nie mehr nach Hause. Der Russe lässt uns hier verrecken.”

Gott ist Vater und Gott ist gut

Vor Beginn der Messe beichtete mein väterlicher Freund bei jenem Pfarrer. Dieser gab ihm zur Buße die Betrachtung auf, dass Gott ein guter und allmächtiger Vater sei. Das tat mein Freund und machte es dann zu seinem Lebensmotto: Gott ist Vater und Gott ist gut mit der konkreten Anwendung:

„Der Russe kann sich auf den Kopf stellen, ich komme nach Hause: Gott ist allmächtig und gut.“

Ein Jahr darauf kam er tatsächlich nach Hause und er erzählte mir, so viele Männer, wie in diesem letzten Jahr im Lager gestorben seien, seien davor noch nie in einem Jahr umgekommen. Nun könnte ein Skeptiker sagen: Der Himmel ist trotzdem leer, eine Illusion habe ihn gerettet.
Für meinen Freund war das fester Glaube, den er als Katechet und Schlossergeselle später vielen anderen mitgeteilt hat und dabei außergewöhnlich fruchtbar geworden ist. Als späterer Generaloberer einer religiösen Laiengemeinschaft und geschickter Handwerker hat er unter schwersten Bedingungen zusammen mit anderen eine Schreinerei in Brasilien aufgebaut. Er pflegte zu sagen:

„Neben einem Sonntagschristentum gibt es auch ein Werktagschristentum, und das muss gelebt werden.“

Nach diesem Motto und mit viel Schaffenskraft hat er mit anderen fleißigen Helfern zahlreichen jungen Männern eine Berufsausbildung ermöglicht. Dies wiederum bildete für mehrere Handwerksbetriebe in Brasilien die Grundlage und hat u. a.  auch eine Möbelfabrik hervorgebracht. Sollte der gute und allmächtige Gott im Himmel eine Illusion sein, dann wäre es in diesem Fall eine sehr fruchtbare gewesen. Mein väterlicher Freund und seine Kameraden haben schlicht, wie sie selbst sagten, ein Werktagschristentum gelebt und nicht nur sonntags in der Hl. Messe im Glaubensbekenntnis gebetet: Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen.


Dr. phil. Helmut Müller
Philosoph und Theologe, akademischer Direktor am Institut für Katholische Theologie der Universität Koblenz. Autor u.a. des Buches „Hineingenommen in die Liebe“, FE-Medien Verlag.  Helmut Müller ist Mitautor des Buches „Urworte des Evangeliums“.


Beitragsbild: Werkstatt des Paolo Veronese, Dreifaltigkeit (Ausschnitt), Wikimedia Commons, gemeinfrei

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