Der Tod des emeritierten Papstes Benedikt XVI. stellt gerade auch an die Katholiken in Deutschland die Frage, was und wie „Katholischsein“ heute bedeutet. Die Todesnachricht erreichte unseren Autor Helmut Müller mitten bei der Rezension des Buches  „Katholisch glauben und leben. Eine Einführung“ von Peter Christoph Düren und er spannt aus aktuellem Anlass den Bogen zwischen dem Leben und Vermächtnis dieses Papstes und der Antwort auf das wahre Katholische mit Hilfe der Nachzeichnung dieses Buches.

Im Herbst 2022 berichtet die Wochenzeitung  DIE ZEIT mit folgender Schlagzeile über den Ad-Limina-Besuch der deutschen Bischöfe in Rom: Deutsche Bischöfe im Vatikan: „Wir sind anders katholisch!“ . Geht denn katholisch jetzt anders als Benedikt XVI. es gerade zu Ende gelebt hat?
Ein Bischof meint sogar ein ganzes Buch über dies „anders katholisch“ schreiben zu müssen. Die Tagespost präzisiert: „Wir wollen katholisch sein“ […] „aber eben anders katholisch“ und zitiert damit namentlich den Vorsitzenden der Bischofskonferenz, Georg Bätzing. Vermutlich meint derselbe das selbst auch anders, als der ehemalige Speyrer Generalvikar Andreas Sturm, als der im vergangenen Jahr aus seiner Kirche austrat und aus dem anders katholisch Nägel mit Köpfen machte und dann altkatholisch geworden ist. Das Buch von Düren „Katholisch glauben und leben. Eine Einführung“ zeigt wiederum, wie katholisch wirklich geht.

Das „Katholische“ kreuzen, dehnen und kürzen?

Es scheint also selbst bei Bischöfen Stil zu werden katholisch auf ein Prokrustesbett zu spannen, zu dehnen oder zu kürzen bis es passt. Wenn Bischöfe nun anfangen am Katholischen zu drehen, zu schrauben, zu übermalen, zu dehnen, kürzen und zu strecken, darf nachgefragt werden, was es denn einmal „war“ – pardon – was es denn immer noch ist und weiterhin sein wird, woran so unverdrossen herum modelliert wird. Es kann doch nicht sein, dass auch in der Kirche – wie Peter Sloterdijk die Schattenseiten der Demokratie karikiert – Esel erklären können, dass sie ein Pferd seien. Das scheint wenigstens bei anders katholisch irgendwie nicht zu funktionieren, wenn aus Pferd oder Esel eine wie auch immer geartete Kreuzung von Maulesel oder Maultiere werden. Anders katholisch scheint gar nicht katholisch zu sein.

Das Evangelium ist allumfassend – nicht vielfältig

Ich schlage vor, den Katechismus der katholischen Kirche in die Hand zu nehmen. Das ist ein Lehrbuch. Aber vielleicht ist ein Lesebuch ebenfalls angebracht, eben weil es die Lehrsätze, Paragraphen und Dogmen und die ganze Architektur des Katholischen lesbar und verstehbar werden lässt. Und da ist im verganenen Jahr das eben zitierte Buch von Peter Düren erschienen, das genau diese Ansprüche erfüllt. Ein Buch zur rechten Zeit , bevor katholisch als allumfassende Meinungen verstanden wird, wie eine meiner Studentinnen meinte und katholisch sich dann in deren Vielfalt auflöst. Sie hatte wohl allumfassend, die an alle Menschen adressierte Botschaft des Evangeliums, mit der gegenwärtig wahrhaftig grassierenden Vielfalt, nicht nur von Menschen, sondern auch von Meinungen verwechselt.  Mit solchen Missverständnissen räumt das Buch von Peter Düren schon im Vorwort auf.

Auf der Suche nach Gott mit fünf Sinnen…

Ein Blick ins Inhaltsverzeichnis weckte in mir sofort die Assoziationen: Klar, verständlich, spannend. Peter Düren zeigt, wie Fragen, die sich Menschen irgendwann einmal stellen werden mit intellektueller Tiefenschärfe beantwortet werden können, sowohl mit geschichtlich-historischer Einbettung, als auch human- und naturwissenschaftlichen Bezügen sowie gegenwartsgesellschaftlicher Aktualität. Er begibt sich im ersten Kapitel zunächst ganz fundamental auf die Suche nach Gott. In diesem Kapitel werden bloß unsere Ausstattung mit fünf Sinnen und einem Kopf auf den Schultern vorausgesetzt. Wie ist das eigentlich mit Gott und Welt, der Verbindung beider miteinander und unserem Denken über diese Verbindung wird gefragt.

…und einem Kopf auf den Schultern

Im zweiten Kapitel wird die religionsgeschichtliche Revolution untersucht: Gott offenbart sich. Mit unseren fünf Sinnen und selbst dem klügsten Kopf auf den Schultern wäre es nicht möglich dem wahren Gott zu begegnen. Damit wir ihm nicht als Machwerk oder Götzen begegnen oder als einem Privatgott, offenbart er sich im Raum der Kirche. Das wird dem Leser nicht trocken vorgesetzt, sondern es werden mögliche andere „Räume“, sprich Religionen, durchdekliniert, Offenbarung als solche ebenfalls und Gottes Offenbarung im Raum des Christentums wird in besonderer Weise unter die Lupe genommen.
Im dritten Kapitel Gottes Wort hören wird deutlich: Zu diesem Offenbaren gehört, diese Offenbarung auch zu hören und schließlich auf sie zu hören. Es folgt wiederum eine kleinteilige Deklination, angefangen bei der jüdischen Bibel und endend beim Petrusamt.

Gott offenbart sich – nicht bloß privat

Das vierte Kapitel unter dem Titel Wie offenbart sich Gott hat dann schon alle Privatheit des persönlichen Hörens hinter sich – was nicht heißt, dass es keine persönliche Herausforderung bleibt. Vielmehr wird das gesamte Wissen der Menschheit deutlich, angefangen – und schon im alten Testament in einer ersten Form begegnend – um schließlich im neuen Testament neue Formen zu finden. Im Lehramt der Kirche wird schließlich die Formung im Neuen Testament im Hinblick auf den sich offenbarenden Gott als Vater, Sohn und Geist in seiner Dreifaltigkeit deutlich. Im fünften Kapitel Gott jetzt begegnen werden dem Leser die sakramentalen Begegnungsweisen erläutert und der besondere Stand der Jungfräulichkeit erwähnt. Da hätte ich mir gewünscht, dass die Dreiheit der evangelischen Räte deutlicher geworden wäre, etwa Jungfräulichkeit in ihrer Kultivierung von Triebgütern, Armut als maßvollem Umgang mit materiellen Güter und Gehorsam als Erkenntnis, dass man nicht immer den eigenen Willen durchsetzen kann oder auch nur sollte.

Bei Gott angekommen

Schließlich endet das Buch mit dem sechsten Kapitel Bei Gott angekommen. Das Buch schließt damit mit einer sehr gelungenen kleinen Mariologie. Nirgendwo sonst ist Gott so perfekt angekommen wie bei ihr. Aber auch bei anderen – den Heiligen – wird eine gelungene Ankunft beschrieben. Und natürlich fehlt nicht die Thematisierung seiner Ankunft bei jedem persönlich. Sie wird liturgisch gefeiert durch das Kirchenjahr und notwendigerweise in Gemeinschaft, eben weil Katholischsein Gemeinschaft bedeutet.

Während ich diese Zeilen in den Computer tippte erreicht mich die Nachricht vom Tode Benedikt XVI., der wie kein anderer dieses Katholischsein lebte, die gesamte Herkunft des Katholischen geistig bündelnd, in 95 Lebensjahren lebend, schon sehr früh mit den Anforderungen der Zeit abgleichend als Theologe, Bischof, Präfekt der Glaubenskongregation, Papst, Betender und schließlich wie Düren in seinem letzten Kapitel sein Buch beendet: Bei Gott angekommen.

Das Tagesevangelium rundet dieses Leben mit den Worten ab: „Du bist Petrus der Fels, und auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen.“ (Mt 16,18): So geht katholisch.


Dr. phil. Helmut Müller

Philosoph und Theologe, akademischer Direktor am Institut für Katholische Theologie der Universität Koblenz-Landau. Autor u.a. des Buches „Hineingenommen in die Liebe“, FE-Medien Verlag, Link: https://www.fe-medien.de/hineingenommen-in-die-liebe

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