Jährlich das gleiche Ritual in  Deutschland. Die neuen Austrittszahlen aus der katholischen und evangelischen Kirche machen Schlagzeilen. Wirklich aussagekräftig sind diese Zahlen nicht. Um das zu verstehen, muss man anders auf die Kirche schauen. Peter Winnemöller ordnet ein.

Es ist seit Jahrzehnten ein jährlich wiederkehrendes Zeremoniell in Deutschland. An einem fest verabredeten Tag veröffentlichen die katholischen Bistümer und die evangelischen Landeskirchen zeitgleich ihr jeweiliges Zahlenwerk zur Mitgliederentwicklung. In Deutschland gibt es staatliche Statistiken, weil die Kirchen rein rechtlich Körperschaften des öffentlichen Rechts sind und der Staat erfasst, wer zu einer der großen Kirchen gehört oder nicht. Austreten muss man, außer im Stadtstaat Bremen, bei einer staatlichen Stelle, nicht bei der Kirche selbst – auch das eine deutsche Eigenart. 

Kirchen mit Schwindsucht

Neue Rekordzahlen blieben in diesem Jahr aus.  Doch die beiden großen Kirchen verloren zusammen 1,2 Millionen Mitglieder. 83,5 Millionen Menschen leben in Deutschland; mithin stellen die 36,3 Millionen Christen längst nicht mehr die Mehrheit der Bevölkerung. 350.000 Menschen traten aus den evangelischen Landeskirchen aus. Das waren rund 5.000 mehr als im Vorjahr. Rund 307.000 Menschen kehrten der katholischen Kirche den Rücken. Das waren fast 14.000 weniger als im Jahr zuvor. Doch der Prozess des Schrumpfens geht weiter. Es sterben wesentlich mehr Menschen als neu in die Kirche hinein getauft werden oder eintreten. 

In Deutschland besuchen 1,304 Millionen Menschen jeden Sonntag eine katholische heilige Messe. Die Evangelische Kirche liegt mit ungefähr 400.000 Gottesdienstbesuchern weit darunter. Grob gesagt, geht in Deutschland, einem kulturell christlich geprägten Land, weniger als jeder fünfzigste Einwohner am Sonntag in einen christlichen Gottesdienst. Für Katholiken ist dieser Besuch der Heiligen Messe eine religiöse Pflicht, der sich fast 95 Prozent der Getauften entziehen. Wenn der Gottesdienstbesuch ein positives Bekenntnis zu Christus und seiner Kirche ist, dann ist der Nichtbesuch ein negatives Bekenntnis, das man nicht leichtfertig abtun sollte.

Der Glaube lockt dennoch

So sehr diese Zahlen die Kirchenoberen auch drängen mögen, weil mit jedem Austritt auch ein potentieller Kirchensteuerzahler verschwindet, so sind doch andere Zahlen vielleicht viel beeindruckender, die eine andere Seite christlichen Lebens in Deutschland verdeutlichen. In Deutschland dürfen die Kirchen als Körperschaften des öffentlichen Rechts eine Kirchensteuer erheben, die der Staat für die Kirchen einzieht. So sind die Bistümer zwar finanziell gut ausgestattet, aber die Menschen laufen ihnen davon. Dass es anders geht, dafür gibt es einige Beispiele. 

So sind die beiden großen Kirchen zwar reich, aber offensichtlich zunehmend uninteressant, weil ihnen Jahr für Jahr hunderttausende davonlaufen, doch das heißt keineswegs, dass der Glaube an Christus abnehmen würde. Frankreich geht uns da ein wenig voran. Es gab im vergangenen Jahr dort in der Osternacht mehr als 10.000 Erwachsenentaufen plus über 7.400 Taufen von Jugendlichen (11-17 Jahre). Auch in Deutschland meldeten Kirchen zahlreiche junge Menschen im Aschermittwochsgottesdienst. Diese jungen Menschen kommen komplett an allen kirchlichen Strukturen vorbei zum Glauben. Das sollte Kirchenoberen zu denken geben. 

Neben den verfassten Kirchen mit ihren staatlich gezählten Mitgliederlisten gibt es nämlich zahlreiche Freikirchen, von denen einige ebenfalls beeindruckende Wachstumszahlen schreiben. In Deutschland existieren zusätzlich schätzungsweise rund 300.000 bis über 600.000 freikirchliche Christen. Nimmt man die in keinem Verband organisierten Gemeinden dazu, haben diese Freikirchen die Landeskirchen irgendwann überholt. 

Die Zahlen variieren, weil hier keine staatlichen oder kirchlichen Statistiken vorliegen. Zudem ist die Frage, ob nur eingetragene Mitglieder oder auch nahestehende Personen gezählt werden. Die größten Zusammenschlüsse sind die Baptisten- und Brüdergemeinden mit rund 72.000 Mitgliedern sowie der Bund Freikirchlicher Pfingstgemeinden, der auf 67.500 Mitglieder kommt. 

Andere Wege im Glauben

Zulauf haben zudem zahlreiche ökumenische Initiativen, wie das Gebetshaus in Augsburg. Der Gründer Johannes Hartl hat 139.000 Follower auf YouTube. Seine Videos dort haben selten unter 100.000 Aufrufe. Alle zwei Jahre findet in Augsburg das christliche MEHR Festival mit 12.000 bis 13.000 Teilnehmern statt. Andere Festivals, Wallfahrten und christliche Events erfreuen sich ebenfalls großen Zulaufs. Es kann niemand sagen, die christliche Botschaft interessiere nicht mehr. Die etablierten Kirchen mit ihren Strukturen, Gremien und ihrem kirchensteuerfinanzierten Apparat sind es, die nicht mehr attraktiv erscheinen.

Genau das ist der Punkt: eine Kirche, die wie die EKD und in Teilen auch die katholischen Bistümer mehr Gender, Klima und Migration verkünden, die in Reformdebatten nur noch um sich selbst kreisen, statt Christus in die Mitte zu stellen, sind nicht attraktiv. Junge Menschen schreckt so etwas ab. Da sind Christfluencer auf Social-Media-Kanälen schon etwas anderes. Hier wird Klartext geredet. Hier wird über christliche Anthropologie und Moral gesprochen. Das zieht. Der katholische Sender k-tv berichtet gerade über die in Wien stattfindende Encounter School of Ministry. Junge Menschen lassen sich auf Jüngerschaft ein, werden geschult und fit für den Alltag gemacht. Solche Angebote werden immer mehr. In Salzburg, Passau und anderen Orten finden sich Gemeinschaften, die Jüngerschaftsschulungen anbieten. Hier geht es nicht darum, wie viele es sind, sondern wie intensiv man sich auf Jesus einlässt.

Gründe zu gehen, gibt es immer

Das ist der Kern. Nicht Taufscheinchristen zählen. Es zählt, wer sich in und mit seinem Leben zu Christus bekennt und versucht, danach zu leben. Damit stellt sich im Grunde gar nicht mehr die Frage, wie viele Katholiken im kommenden Jahr aus der Kirche austreten werden. Gründe lassen sich immer finden.

Der nächste Bericht über sexuellen Missbrauch, die Kirchensteuer, Ärger über den Pfarrer oder darüber, dass man gar keinen mehr hat. Denn auch das ist eine beeindruckende Zahl. In einem Land, in dem sich 19,2 Millionen Menschen zumindest via Mitgliedschaft zur Kirche bekennen, wurden im vergangenen Jahr nur 25 Männer zu Priestern geweiht. In einer Kirche, in der sowohl das Amt als auch die Seelsorge sakramental sind, ist das eine Katastrophenmeldung. Der Glaube ist innerhalb der Kirche so sehr angegriffen, dass sich nicht einmal annähernd genügend junge Männer für das Priesteramt interessieren. Der Priesterberuf ist durch die ständig neuen Nachrichten über den sexuellen Missbrauch hinter Kirchenmauern zusätzlich in Verruf geraten.

Es ist wohl weniger ein Problem, dass der Glaube für die Menschen nicht mehr von Interesse ist, vielmehr ist es die Kirche, sowohl vor Ort als auch im großen Ganzen, die die Menschen zunehmend abschreckt. Glaubensleben findet immer genau da statt, wo der Glaube authentisch gelehrt und gelebt wird. Dann kann im Zweifelsfall sogar eine winzige Landgemeinde zur Oase inmitten einer Glaubenswüste werden.


Peter Winnemöller
Journalist und Publizist. Autor für zahlreiche katholische Medien. Kolumnist auf dem Portal kath.net. Im Internet aktiv seit 1994. Eigener Weblog seit 2005. War einige Jahre Onlineredakteur bei „Die Tagespost“. Und ist allem digitalen Engagement zum Trotz ein Büchernarr geblieben.


Der Artikel erschien zuerst in englischer Sprache auf statement.com


Beitragsbild: unum24

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