Nachdem Helmut Müller in seinem Beitrag die Stimmen der Beter des Vaterunsers hörbar gemacht hat, begibt sich Peter Esser im Geiste als Reporter an das Osterfeuer und sammelt Eindrücke aus einer fiktiven Gemeinde. Zwischen Deutungen und Erfahrungen in der Feier des Osterfestes verdichtet sich eine persönliche Frage: Was bedeutet mir eigentlich Ostern?

Nehmen wir einmal an, es ist Osternacht, und um das Osterfeuer herum, das in diesem Jahr besonders hell brennt, steht kurz vor Mitternacht die Gemeinde. Wein und Baguette werden gereicht, die Messdienerinnen und Messdiener laufen mit Körben voller knatschbunter Eier umher. Nach der (schon wegen ihrer Länge) anspruchsvollen Feier sind alle auch ein wenig erleichtert, dass die anstrengenden Kartage hinter ihnen liegen, und noch hat Monsignore K. nicht wirklich bemerkt, dass ihm seine Ministrantenschar einen Zettel auf den Rücken geheftet hat, auf dem der Osterhase zu sehen ist, umgeben von fetten Lettern »CIA!« Und darunter erläuternd: »Christus ist auferstanden!« Der Monsignore, das ganze Pastoralteam und der Chor haben wirklich alles gegeben, man plaudert und wünscht sich ein frohes Osterfest. Und nehmen wir weiters an, dass sich Peter E., der Reporter des Pfarrmagazins, unter die Menschenmenge mischt und mit dem Mikrophon O-Töne einfängt. Seine Frage: »Was bedeutet eigentlich Ostern für dich?« Was er hört, lässt sich etwa so wiedergeben.

Marianne M. (steht Maria 2.0 nahe): „Mich berühren besonders die Frauen am Grab. Dass sie die ersten Zeuginnen sind. Ostern heißt für mich auch: Gott traut denen etwas zu, die lange marginalisiert wurden.“

Svenja G. Theologiestudentin (hat gerade ihre Bachelorarbeit in Freiburg beendet): „Ostern ist Freiheit. Dass Gott den Menschen nicht festlegt, sondern ihn durch alles hindurch freisetzt. Selbst der Tod hat nicht das letzte Wort – das ist für mich die eigentliche Pointe.“

Käthe F. (eine rüstige Seniorin, die hin und wieder in der Gemeinde auftaucht, aber regelmäßig an den Mittwochsgesprächen im Stadtzentrum teilnimmt): „Mit diesem ganzen ‚Jesus lebt jetzt irgendwie‘ kann ich ehrlich gesagt nicht so viel anfangen. Aber dass seine Botschaft weiterlebt und Menschen verändert – das ist doch das Entscheidende.“

Harald S. (abgeschlossenes Theologiestudium, Studiendirektor):  „Die Auferstehung Jesu ist keine Metapher. Aber sie erschließt sich nur im Zeugnis. Nehmen wir die Emmausperikope. Die wird nicht erzählt, weil sie so geschehen wäre, sondern um uns das Ostergeschehen zu vermitteln. Und genau darin liegt ihre Wahrheit.“

Werner H. (Hubertuskompanie, mit einem Bier in der Hand, zeigt auf das Feuer): „Also für mich ist das hier schon Ostern (zeigt auf das Feuer). Dass wir das zusammen aufgebaut haben, dass die Leute kommen, dass die Kinder da stehen und gucken – das hat schon was. Gemeinschaft halt. Und irgendwie merkt man: Das ist kein Abend wie jeder andere.“

Das Feuer brennt langsam nieder, und irgendjemand hat sich in der Zwischenzeit des Monsignore erbarmt und ihn auf den CIA-Zettel auf seinem Rücken hingewiesen. Langsam verblasst die Szene um mich herum, auch die Personen verschwinden. Denn auch sie alle, ihre Namen und Berufe, ihre Position in der Gemeinde und auch das Pfarrmagazin existierten nur in meiner Vorstellung. Was aber bleibt, ist die Frage:

Was bedeutet mir Ostern?

Johannes Hartl hat in einem Kommentar zu Ostern auf einen Satz aus Offenbarung 1,18 hingewiesen. Der Text kommt nicht in der Liturgie der Ostertage vor, bringt das Geschehene aber auf den Punkt: „Ich war tot, doch nun lebe ich in Ewigkeit.“

 „Ich war tot, doch nun lebe ich in Ewigkeit.“

Das ist der revolutionärste Satz der Weltgeschichte. Jedem menschlichen Tun ist durch den sicheren Tod ein Ende gesetzt. Die Geschichte geht ab dem Zeitpunkt des Todes nicht mehr weiter. Alles, was gerade noch wichtig war, endet plötzlich. Wir Menschen  könnten ihn uns vielleicht in übertragener Weise aneignen: wenn jemand einer großen Gefahr, einer schweren Krankheit oder einer inneren Verlorenheit entronnen ist und im Rückblick sagt: Ich war eigentlich tot. Doch der Ausspruch Jesu in der Offenbarung meint etwas anderes. Er ist nicht metaphorisch. Er trifft die Wirklichkeit des menschlichen Lebens selbst.

Der ihn sagt, hat alle Härte der Folterung und einen qualvollen Tod erlitten.

Doch Jesus ist der Einzige, der diesen Satz im vollen Sinn sprechen kann. Er war tot. Wirklich tot. Er wurde am Kreuz hingerichtet, sein Tod durch den Lanzenstich bestätigt, er lag drei Tage im Grab und ist auferstanden. Er hat sich den Jüngern gezeigt, mit ihnen gegessen und ihnen so zu erkennen gegeben, dass er in einer neuen leiblichen und geistlichen Daseinsweise lebt. Das war keine Rückkehr in eine individuelle Lebensgeschichte – wie bei Lazarus oder dem Jüngling von Naïn. Es ist Leben in Ewigkeit. Alles Bedrohliche, Beängstigende ist ausgelöscht. Wenn Marianne M. sagt, dass die Frauen am Grab sie beeindruckt haben, dann stimme ich ihr aus ganzem Herzen zu.

„Sie umfassten seine Füße”

Manchmal kommt aber etwas zu kurz, was die Frauen getan haben, als Jesus ihnen entgegenkam: Sie gingen auf ihn zu, warfen sich vor ihm nieder und umfassten seine Füße (Mt 28,9). Als erste Zeuginnen vollziehen sie den Akt der Anbetung – vermutlich ohne zu ermessen, was sie da tun. Mehr noch: Sie umfassen seine Füße. Noch leiblicher und zärtlicher kann man es kaum ausdrücken. Wir dürfen dabei nie vergessen, dass diese Frauen am Freitag Jesus haben sterben sehen.

Wenn ich die Frauen am Grab ernst nehme, führen sie mich unmittelbar in die Begegnung mit dem lebendigen Jesus. Und sie zeigen noch deutlicher als die zaghaften Jünger, dass alles von der Begegnung mit Jesus  abhängt.

 „Ich bin, der ich bin.“

Der frühe Morgen nach dem ersten Tag der Woche, der Ostermontag, beginnt in der Matutin mit einem Vers, der den Betenden schlagartig aufweckt. Der Gottesname selbst wird auf Jesus angewendet: „Ich bin, der ich bin.” Damit werden die Psalmen christologisch – im Licht des auferstandenen Herrn gelesen. Indem wir die Psalmen beten, haben wir mit Christus Umgang. Es spricht Christus selbst. Und wir treten in Beziehung zu ihm.

Das verändert den Blick auf unsere eigene Vergänglichkeit und auf unseren Tod. Dann geht es im Christentum nicht zuerst um gute Einsichten, nicht um moralische Verbesserungen und auch nicht um das Einüben hilfreicher Gewohnheiten. Es geht aber auch nicht um eine Freiheit, die allein von den Möglichkeiten des Menschen her verstanden wird.

Es geht um die tägliche Gemeinschaft mit dem, der tot war und nun in Ewigkeit lebt.

Und das ist das große Angebot von Ostern:

Jesus lebt – mit ihm auch ich.


Peter Esser

Der Autor ist 1962 am Niederrhein geboren, arbeitet als Cartoonist und Illustrator und begeistert sich für die Werke von J. R. R. Tolkien.  Peter Esser ist Mitautor des Buches „Urworte des Evangeliums“.


Beitragsbild: Adobe Stock

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