“Alex ist ein Kind der Liebe, meiner Liebe zu ihm, seiner Liebe zu mir und Gottes Liebe zu uns.” Wie aus zunächst ungewollter Schwangerschaft ein Kind der Liebe wurde. Franz-Josef Roth, Pastoralreferent, der sich selbst gern als “Mitarbeiter Jesu Christi” und “Pionier der Frohen Botschaft” bezeichnet, erzählt uns ein wunderbares Lebens- und zugleich Glaubenszeugnis aus seinem pastoralen Wirkungskreis.

Ein Zeugnis für das Leben, das den Glauben stärkt

Als Glaubender und als Seelsorger habe ich das überaus große Glück, ein waches Sensorium entwickelt zu haben, um menschliche Erfahrungen als Glaubenszeugnisse einordnen zu können. Vor kurzem war wieder so eine Gelegenheit, in der ich mich – bildlich gesprochen – zu Füßen Jesu Christi, des Lehrers setzen durfte und zum Hören eingeladen war. Beim Einkauf im örtlichen Biomarkt begegnete ich Frau W., die ich seit etwa fünfzehn Jahre kenne. Bei den sporadischen Begegnungen, ein bis zwei Mal im Jahr, sind wir schnell über den üblichen Smalltalk hinaus bei Themen, über die es sich zu sprechen lohnt.

Nach einigen Allgemeinplätzen kamen wir dieses Mal auf die biblische Erzählung des Buches Tobit, die sie sehr faszinierte. Sie wusste gar nicht, dass es ein biblisches Buch ist. Meine Vermutung war, dass Frau W. es für eine der vielen esoterisch gefärbten Engelerzählungen hielt. Als ich ihr in kurzen Zügen die ganze Geschichte des Buches Tobit erzählte und eine kurze Auslegung anschloss, wechselte Frau W. auf eine andere Gesprächsebene.

„Den Menschen ist Gott verloren gegangen“,

sagte sie. Auf meinen fragenden Blick hin präzisierte sie:

„Die Menschen haben die Achtung vor dem Leben verloren, ja sie wissen gar nicht mehr, dass es Achtung vor dem Leben gibt und wie wichtig diese ist“.

Das ließ mich scheinbar noch fragender blicken, denn dann wurde sie sehr konkret und berichtete mir von ihrer Arbeit bei einer Krankenkasse. Eine ihrer Aufgaben ist die finanzielle Abrechnung von Abtreibungen. Bei ihrer Arbeit hat Frau W., so erzählte sie es mir, auch immer wieder mit den Frauen zu tun, die eine Abtreibung haben vornehmen lassen, manchmal auch mit deren Männern, mit Ärzten und mit weiteren Beteiligten unseres Gesundheitssystems. Es mache sie sichtlich betroffen, wie leichtfertig mit der Sache umgegangen wird, spürend, dass hier nicht nur rechtlich Fragwürdiges passiert, sondern dass sich menschliche Tragödien abspielen. Frau W. appellierte in meine Richtung, dass die Kirchen alles dafür tun müssten, dass die jetzige Regelung nicht noch weiter aufgeweicht wird. Insbesondere beklagte sie mehrfach eine „Kultur der Gleichgültigkeit“ gegenüber dem Leben, eine Kultur, in der es ausschließlich um die Verwirklichung des eigenen Lebensplanes ginge, der dann auch noch, je nach Umständen, beliebig sei. Das bis hierhin schon beeindruckende Zeugnis wurde für mich noch eindrücklicher, als sie von einer ganz gegensätzlichen Erfahrung erzählte, nämlich von der Geburt ihres einzigen Kindes.

Auf Maria schauen

Alex, jetzt Mitte zwanzig, kenne ich selbst seit rund fünfzehn Jahren durch die Sternsinger und als Teilnehmer im Ferienlager. Frau W. schilderte mir, dass Alex ein “Betriebsunfall” war, und dass er seinen Vater gar nicht kenne. Ich hatte den Eindruck, dass auch sie keinen Kontakt mehr zu ihm hatte. Als ihr damals deutlich wurde, dass sie schwanger war, suchte sie das Gespräch mit ihrem Gynäkologen und zog eine Abtreibung in Betracht. Was allerdings dann passierte, so Frau W., war das größte Glück überhaupt:

Der Arzt hat meine Hand genommen und zu mir gesagt, ich solle doch einmal auf Maria schauen, wie sie mit ihrer „ungewollten Schwangerschaft“ umgegangen sei. 

Das hat mich so beeindruckt und ich habe mich dann so intensiv damit beschäftigt, dass ich gar nicht anders konnte, als Alex zur Welt zu bringen und mich liebevoll um ihn zu kümmern. 

Alex ist ein Kind der Liebe, meiner Liebe zu ihm, seiner Liebe zu mir und Gottes Liebe zu uns.

Auch wenn nicht alles einfach war, habe ich nichts bereut, ganz im Gegenteil. Und als Alex älter wurde und Kontakt zur Kirche bekam, entdeckte auch ich zwischenzeitlich die Kirche als Heimat wieder“, so Frau W.

In den Tagen nach dem Gespräch habe ich wieder und wieder darüber nachgedacht, wie dieses Zeugnis einzuordnen sei. Theologisch bin ich bei dignitas infinita von Papst Franziskus hängen geblieben, insbesondere bei Nr. 47. Dass das Gespräch in einem Biomarkt war, ließ mich mit einem inneren Augenzwinkern auch an den Begriff der Ökologie des Menschen denken, den Papst Benedikt XVI. in seiner Berliner Rede 2011 eingeführt hat. Von der sitzenden Theologie allerdings haben sich meine Gedanken dann zur knieenden verschoben, die mich in die Worte des Psalmisten einstimmen lassen:

Ich danke dir, dass ich so staunenswert und wunderbar gestaltet bin. Ich weiß es genau: Wunderbar sind deine Werke. Dir waren meine Glieder nicht verborgen, als ich gemacht wurde im Verborgenen, gewirkt in den Tiefen der Erde. Als ich noch gestaltlos war, sahen mich bereits deine Augen. In deinem Buch sind sie alle verzeichnet: die Tage, die schon geformt waren, als noch keiner von ihnen da war. Wie kostbar sind mir deine Gedanken, Gott! Wie gewaltig ist ihre Summe! (Psalm 139, 14-17)

Für einen neuen Anfang in der Kirche braucht es Zeugnisse des Lebens. Vielleicht war das der Grund der Begegnung mit Frau W., dass sie mit ihrer Geschichte auf einen Menschen getroffen ist, dessen Auftrag es ist, das Leben zu verkünden. vgl. 1 Joh 1,2. 


Franz-Josef Roth
Pastoralreferent in Dinslaken, Bistum Münster
Franz-Josef Roth ist Mitautor des Buches „Urworte des Evangeliums“.

 


Beitragsfoto von Daniel Reche (pexels.com)

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