…Gedanken zum Gründonnerstag in einer Gesellschaft von religiös Ausgezehrten

Als ich dieser Tage zusammen mit meiner Frau eine eucharistische Anbetung hielt, kam mir in den Sinn, wie weit weg in unserer säkularen Zeit ein Verständnis sein muss für das, was wir gerade taten: Wir knien in einem verdunkelten Kapellenraum vor einem mit einem Textil verkleideten Kelch, darin eine runde Scheibe „Knäckebrot“ und dem erweisen wir göttliche Verehrung. Ein seltsames Benehmen für einen von kirchlicher Religiösität entwöhnten Zeitgenossen.

Er wird sich fragen: Wieso Knäckebrot? Die erste Antwort ist noch einfach: Es steht für Brot und zwar Brot als Knäckebrot, einfach wegen der langen Haltbarkeit.

Und dann die Einsamkeit des Brotes im Tabernakel? Deshalb, weil irgendwann in einer Messfeier über dieses Brot von einem geweihten Priester in persona Christi gesagt worden ist: „Das ist mein Leib.“ Warum? Es geschah in einer das letzte Abendmahl Jesu mit seinen Jüngern vergegenwärtigenden Feier.

Warum Sühne und dann auch noch für Viele?

Was geschah damals? Jesus nahm Abschied von seinen Jüngern und wählte liturgische Handlungen, die daran erinnern, dass kein Tierkörper und kein Tierblut mehr zur Entsühnung des Volkes des alten Bundes herangezogen werden muss. Denn er begründet mit dieser Handlung einen neuen Bund, der nicht mehr auf der einen Seite einen unzuverlässigen Bundespartner hat, sondern auf beiden Seiten Verlässlichkeit garantiert. Auf der einen Seite Jesus als wahrer Mensch und wahrer Gott, auf der anderen Seite Gottvater. So wie Jesus gehorsam und verlässlich den Auftrag des Vaters erfüllt, wird ein für alle Mal gültige und unüberbietbare Sühne geleistet. Und das nicht in Form „billiger Gnade“, sondern mit der Aufforderung es ihm nachzutun, um für jeden, der gläubig „mittut“ die Sühne „für viele“ für sich wirksam werden zu lassen.

Eine bleibende Fremdheit ist nicht aufzuheben

Auch das ist für einen westlich säkularisierten Menschen kaum verständlicher und kann auch durch keine noch so ausgefeilte Korrelation mit säkularen Lebensverhältnissen verständlicher gemacht werden. Eine bleibende Fremdheit dieser sakralen Feier ist nicht aufzuheben. Das bestätigt der Priester oder wenn ein Diakon mitfeiert mit den Worten: „Geheimnis des Glaubens“. Das ist sehr unbefriedigend. Der westlich säkularisierte Mensch wird im besten Falle feststellen müssen, dass er im eigentlichen Sinne ein religiös Schwerbehinderter ist, eine Schwerbehinderung, die immer weiter auch in Kirchenkreise hineinragt. Es führt so weit, dass zivilreligiös sozialisierte Zeitgenossen nicht mehr in der Lage sind Religion und ihre Riten, Reinigung, Opfer, Sühne und Reue betreffend, überhaupt zu verstehen. Der immer mehr gar nicht oder eben nur zivilreligiös sozialisierte Zeitgenosse muss Religion regelrecht lernen von Kulturen, in denen sie noch lebendig ist, von Afrika, Lateinamerika oder dem muslimischen Kulturkreis, sozusagen von heißen Religionen, wie sie Rüdiger Safranski einmal genannt hat oder was auch immer seltener der Fall ist, im eigenen Land von alten Großmüttern. Er braucht jedenfalls ein im besten Sinne des Wortes lebendiges „Milieu divin“, wo Menschen mit Gott noch in ernsthafter gläubiger, ritueller Verbindung leben.

Bleibt nicht in den alten Verhängnissen gefangen!

Im Glauben der Christen hat Gott sich in ein solches „Milieu divin“ hineinoffenbart. Er hat sich vor 2000 Jahren in die Handlungsstruktur einer jüdischen Kultfeier hineinbegeben. Im Abendmahlsaal zu Jerusalem ist das offensichtlich von den Anwesenden verstanden worden. Denn es gibt kaum einen Vorgang aus dem neuen Testament, der so vielfältig und doch so genau überliefert worden ist. Gott hat sich in diese liturgische Handlungsstruktur hinein offenbart und wollte sagen: So bin ich mit Euch, für euch, bei Euch, ja so kann ich sogar heilend und reinigend in Euch sein. Weitere Opfer, seien es Tier- oder Pflanzenopfer sind nicht mehr nötig. Ich brauche nicht besänftigt noch zum Handeln animiert zu werden durch Eure Opfer. Mein Sohn hat damit ein Ende gemacht. Euer Handeln ist zwar nicht Schall und Rauch. Aber mein Sohn hat alles wieder gut gemacht. Folgt seinem Beispiel, damit ihr nicht in den alten Verhängnissen gefangen bleibt. Entscheidet Euch in dem neuen Bündnis mitzumachen, das er an diesem Abend liturgisch begonnen hat und einen Tag später zum Zeitpunkt als in der jüdischen Liturgie die Osterlämmer geschlachtet worden sind, mit seinem Leben besiegelt hat. Tut all dies zu seinem Gedächtnis.

Tut dies zu meinem Gedächtnis

Jetzt bin ich wieder zurück im abgedunkelten Kapellenraum. Die runde Knäckebrotscheibe, die wesentlich gar keine mehr ist, erinnert an all das und ist geworden was er gesagt hat: Sein Leib. Sie könnte wie ein Icon auf dem Desktop sein, hinter dem sich das verbirgt, wofür dies Bildsymbol steht. Es wäre schön, wenn meine Gedanken dem Mausklick glichen, mit dem man das Icon öffnet.

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von Dr. phil. Helmut Müller

Philosoph und Theologe, akademischer Direktor am Institut für Katholische Theologie der Universität Koblenz-Landau. Autor u.a. des Buches „Hineingenommen in die Liebe“, FE-Medien Verlag, Link: https://www.fe-medien.de/hineingenommen-in-die-liebe

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