Die Serie der Auslegung des Sonntagsevangeliums durch Dr. Martin Brüske geht weiter.
Symposion am Sabbat
Auslegung des Evangeliums vom 22. Sonntag im Jahreskreis C Lk 14, 1.7-14
Tischgespräche am Sabbat. Jesus beobachtet und wird beobachtet. Das Mittagsmahl wird Gleichnis für das Hochzeitsmahl in Gottes Herrschaft und wie man ihr schon jetzt entsprechen kann: Sich vor Gott nicht selbst definieren! Gütig geben jenseits der Erwartung der Gegengabe! Heißt: Den letzten Platz einnehmen, die auf dem letzten Platz hereinholen.
Einladung nach dem Gottesdienst
Es ist Sabbat. Der morgendliche Gottesdienst ist beendet. Jesus hat wohl daran teilgenommen und ist jetzt zum Mittagsmahl (am Sabbat gab es drei statt zwei Mahlzeiten) bei einem „führenden Pharisäer“ eingeladen. Einem durchreisenden Rabbi neben den anderen Honoratioren der örtlichen Gemeinschaft auf diese Weise Gastfreundschaft und Ehre zu erweisen, ist durchaus üblich. Dennoch ist das keine entspannte Angelegenheit. Konflikt liegt in der Luft: Jesus steht unter Beobachtung. Und dieser gespannte Blick auf Jesus ist nicht unbedingt freundlich und vielleicht neugierig, aber grundsätzlich wohlwollend, sondern wohl schon bestimmt von dem Verdacht und der Erwartung auf ein Verhalten oder eine Rede zu stoßen, die Missbilligung, ja vielleicht Skandal und Empörung auslöst.
Zum dritten Mal ist Jesus bei einem Pharisäer zum Essen eingeladen, jetzt aber am Sabbat und eben bei einer „führenden“ Persönlichkeit. Das bedeutet Steigerung und Zuspitzung. Denn Jesu Praxis am Sabbat zu heilen – und überhaupt seine Auslegung des Sabbatgebots – waren schon zum Konfliktthema zwischen ihm und den Pharisäern geworden. Und tatsächlich: In den im Sonntagsevangelium ausgelassenen Versen 2-6 steht plötzlich ein entstellter Kranker mit „Wassersucht“ vor ihm. Das Haus des Pharisäers ist zu einem solchen Anlass offen und deshalb einfach betretbar. Aber der wassersüchtige Kranke, dessen Krankheit gern als Folge der Sünde gewertet wird, ist unvermittelt einfach da. Nicht ein Wort muss er sagen. Es ist klar, wen und was er sucht. Jesus sucht zunächst den Dialog mit den anderen Anwesenden über den Sabbat, ob man heilen dürfe. Der wird ihm verweigert: Sie schweigen. Und er heilt den Kranken. Und beantwortet die Frage der Halacha, der Auslegung der Tora, selbst. Jetzt sind die Schweigenden verstummt. Sie vermögen nichts zu erwidern. Halten wir diese ausgelassene Szene im Gedächtnis!
Eine Beobachtung und eine scheinbare Klugheitsregel
Jesus wird also beobachtet. Aber auch Jesus beobachtet! Und er nimmt ein bestimmtes charakteristisches Verhalten wahr. Die Eingeladenen suchen die ersten Plätze einzunehmen. Tischordnung war schon damals eine Herausforderung. Sie spiegelte die Ordnung der Gesellschaft. Die Platzierung bei Tisch spiegelte also sozialen Rang und Ansehen. So ist das Drängen zu den ersten Plätzen ein Akt der sozialen Selbstdefinition. Es sagt, für was ich mich halte, was ich beanspruche und – wenn man mir den Platz zuweist – welcher Rang mir eingeräumt wird und damit, welche Anerkennung ich in der Gemeinschaft genieße.
Allerdings ist die Besetzung des „angemessenen“ Platzes mit Risiken behaftet. Wenn Selbsteinschätzung und Fremdeinschätzung im Blick auf den sozialen Rang nicht übereinstimmen, könnte ich bei der Besetzung des Platzes gerade kränkende und meine Ehre tangierende Demütigung erfahren. Habe ich also nicht einen perfekten Überblick über die Gäste, vielleicht auch schon genügend Erfahrung in dieser Gemeinschaft und mit dem Gastgeber, der die Tischordnung bestimmt, kann die Sache gründlich schiefgehen. Und daran knüpft Jesus zunächst einmal an und scheint genau auf dieses „soziale Risiko“ hinzuweisen.
Deshalb haben sich um die Einnahme der Plätze Regeln der Höflichkeit ausgebildet, die das soziale Risiko, auf dem falschen Platz zu landen, mindern. Sie drücken in der Regel echte oder „gespielte“ Bescheidenheit aus (ob echt oder gespielt ist dabei für ihr Funktionieren nicht sonderlich wichtig) und machen die Sache einigermaßen kalkulierbar, so dass im optimalen Fall sich am Ende alle wohlfühlen, sozusagen „zwischen Ehrenplatz und Katzentisch“. (Wobei der kluge Gastgeber die Existenz des Katzentischs durch Geschick gerade vermeiden wird.)
In der jüdischen Überlieferung finden wir etwa den Rat, andeutungsweise auf einen Sitz zwei bis drei Plätze unter dem vermuteten zuzustreben, um Bescheidenheit ohne Übertreibung (die auch wieder nicht gut wirkt) auszudrücken:
„Halte dich fern von dem (dir gebührenden) Platz zwei oder drei Sitze und warte, bis man zu dir sagt: Komm herauf! Komm herauf! – als dass man zu dir sagt: Steig hinab! Steig hinab!“
Oder im Buch der Sprüche finden wir eine weitere Klugheitsregel zu diesem „Problem“:
„Rühme dich nicht vor dem König / und stell dich nicht an den Platz der Großen; denn besser, man sagt zu dir: Rück hier herauf, / als dass man dich nach unten setzt wegen eines Vornehmen.“ (Spr 25, 6f.).
Beide Texte haben eine ganz offensichtliche Nähe zu dem Wort Jesu! Will Jesus also bloß eine Klugheitsregel im manchmal komplizierten Spiel der Höflichkeit formulieren?
Ein Gleichnis für das endzeitliche Hochzeitsmahl in der Königsherrschaft Gottes
Aber hätte dann am Ende des Tages vielleicht sogar Nietzsche recht, der einen Vers aus unserem Evangelium umformuliert: „Wer sich selbst erniedrigt, will erhöht werden“. In seiner Sicht ist die ganze Demutsmoral des Christentums nichts weiter als kaschierter „Wille zur Macht“. Und bestätigt das unser Evangelium nicht, wenn es am Ende des Tages darum geht, sich vermeintlich „bescheiden“ so zu platzieren, dass man schließlich heraufgebeten wird, um mindestens den Platz einzunehmen, den man für einen selbst angemessen findet (und vielleicht darüber hinaus)?
Drei Indizien sprechen jedoch gegen eine solche Deutung als Klugheitsregel:
- Lukas spricht ausdrücklich von einem „Gleichnis“! Das heißt: Das, was Jesus beobachtet und kommentiert, wird ihm zu einem bildhaften Verweis auf eine andere Wirklichkeit.
- Vergleichen wir Jesu Wort mit dem zitierten Wort aus der jüdischen Überlieferung, dann geht es nicht um zwei bis drei Plätze „drunter“, sondern plötzlich um den „letzten“. Das wäre genau „übertriebene Bescheidenheit“ und würde zu einem grotesken Gerangel um diesen letzten Platz führen. Heißt: Der soziale Höflichkeits- und Klugheitskontext wird durch diese Radikalisierung aufgesprengt!
- Der Schluss des Abschnitts, den Nietzsche so bissig variiert hat, sprengt ebenfalls den Rahmen, weil Jesu Aussage ganz grundsätzlich wird und sich damit bezieht auf das endgültige, endzeitliche („eschatologische“) Schicksal des Menschen, der sich erhöht oder erniedrigt.
Worum geht es also? Wir haben vorhin gesehen, dass die Eingeladenen durch das geschickte oder ungeschickte Anzielen bestimmter Plätze ihren Ort auf der sozialen Rangskala zu definieren suchen und damit auf soziale Anerkennung zielen. Nun, wenn es sich um ein Gleichnis handelt, dann geht es hier nicht um irgendeine Hochzeitsfeier, sondern um das Hochzeitsmahl der Königsherrschaft Gottes. Und der Akzent liegt dabei ganz und gar auf der Einladung zu diesem Hochzeitsmahl – und um die Beziehung zum Gastgeber! Zunächst: Jesus richtet sich ganz ausdrücklich an die Eingeladenen, so wie er sich im zweiten Teil des Sonntagsevangeliums ganz ausdrücklich an den Gastgeber richtet. In dem kurzen Gleichnis kommt das griechische Verb „einladen“ ganze fünf mal vor! Noch plastischer wird das, wenn man sich klar macht, dass hier wörtlich jeweils von „gerufen sein“ die Rede ist. Das Thema ist also anlässlich eines Sabbatmahls mit vielen Eingeladenen die Berufung zum Hochzeitsmahl in der Königsherrschaft Gottes! Und damit ist klar, um welche Frage es geht: Mit welchem Verhalten antwortest du auf diesen Ruf?
Konkret: Willst du selbst definieren, wer du vor Gott bist, welchen Rang du einnimmst – immer auch im Vergleich zu deinen Mitmenschen? Diese jetzt nicht mehr soziale, sondern geistliche Selbstdefinition vor Gott – „wie steh ich vor ihm da? was habe ich religiös und ethisch geleistet?“ – kann im Desaster enden. Jesus lädt uns ein, uns auf den letzten Platz zu begeben. Das ist einfach der Platz, auf den ich auf jeden eigenen Versuch, meinen Rang vor Gott selbst zu definieren, verzichtet habe, wo ich weiß, dass ich immer ein unnützer Knecht geblieben bin und ein Sünder. Aber – und das ist entscheidend – wo ich frei bin, weil ich auf alle Selbstrechtfertigung verzichtet habe, mich schlicht wie ein Kind zu freuen, dass ich zum Heilsmahl, zur Gottesgemeinschaft aus Barmherzigkeit eingeladen wurde. Braucht es denn mehr als das?
Wer so den letzten Platz einnimmt und auf alle – letztlich unwahrscheinlich anstrengenden – Versuche der Selbstbehauptung vor Gott verzichtet, wer sich so „erniedrigt“, an dem kann Gott überhaupt nur wirken und ihn „erhöhen“ in die Gottesgemeinschaft. Und er ist Gott noch auf andere Weise nahe: In Jesus Christus hat sich Gott selbst auf den letzten Platz begeben, um uns zu retten. Wer deshalb auf alle falsche Selbstrechtfertigung vor Gott verzichtet, kann dort mit ihm sein und mit ihm wirken.
Der Gastgeber
Und er kann seine alle Grenzen überschreitende Güte hier und jetzt sichtbar machen und repräsentieren. Er kann dann zum irdischen Bild des himmlischen Gastgebers werden. Auch im letzten Abschnitt unseres Evangeliums wird wieder von Gott her eine soziale Logik gesprengt. Aber diesmal nicht in der Weise des Gleichnisses, sondern ganz real in unserer Welt. Dort soll etwas von der jede Grenze überschreitenden Güte Gottes sichtbar werden. Das geschieht dann, wenn die soziale Logik von Gabe und Gegengabe aufgebrochen wird. Vieles in unseren sozialen Beziehungen – und dies ist zunächst völlig normal und gar nicht schlimm – beruht auf einer geheimen Symmetrie. Wir geben, tun es gern, wir tun es auch nicht nur um eines unmittelbaren Eigennutzes willen – und doch brauchen wir bis zu einem gewissen Maß den Ausgleich des Gebens durch die „Gegengabe“. Und erwarten sie auch. Wir erwarten den aufrichtigen Dank, die Gegeneinladung, selbst auch einmal Hilfe zu empfangen, wenn wir selbst geholfen haben. Rein einseitige Beziehungen sind auf die Dauer nicht nur unbefriedigend, sondern verletzend. Und – dies ist ein Merkmal unserer Endlichkeit und der Bedürfnisnatur, die damit verbunden ist – wir werden leer und brennen aus, wenn wir in mittlerer Frist nicht auch empfangen dürfen und ein gewisser Ausgleich geschieht. Und von genau einem solchen Gleichgewicht der vergoltenen Gaben spricht Jesus. Und sagt: Spreng es auf. Lade die ein, die im Gleichgewicht der Gaben nicht zurückgeben können: Arme, Krüppel, Lahme, Blinde. Es geht hier nicht nur ums Essen und auch nicht nur um diese Gruppen. Sondern um alle, denen du geben kannst, aber die dir nicht zurückgeben können. Tust du das, dann machst du es wie Gott. Tust du das, dann wird durch dich seine Güte in der Welt sichtbar. Du handelst mit und aus Jesus. Am Anfang unseres Evangeliums (in den ausgelassenen Versen) hat Jesus einen Kranken, den Wassersüchtigen, der durch seine Krankheit ausgeschlossen war aus dem „closed shop“ von Gabe und Gegengabe, in den endgültigen Sabbat Gottes geholt, in seine Ruhe, in der alles „sehr gut“ ist. Im Glauben an Jesus können wir mit ihm handeln. Denn du kannst es nur, weil du glaubst, ja du bist darin selig, weil du aus Gott handelst. Er ist die Quelle deiner Güte. Deshalb wirst du dann nicht leer und brennst aus. Du bist schon jetzt in ihm – und wirst mit ihm sein bei der Auferstehung der Toten.
Dr. theol. Martin Brüske,
geb. 1964 im Rheinland, Studium der Theologie und Philosophie in Bonn, Jerusalem und München. Lange Lehrtätigkeit in Dogmatik und theologischer Propädeutik in Freiburg / Schweiz. Unterrichtet jetzt Ethik am TDS Aarau. Martin Brüske ist Mitherausgeber des Buches “Urworte des Evangeliums”.