„Dogmatisch“ spreche nichts gegen das Diakonat, Jesus habe aber Frauen bewusst nicht als Priesterinnen berufen, so die Philosophin Dr. Edith Stein (geb. 1891 als Jüdin, 1.1.1922 getauft) zum Thema Frauenpriestertum. Im Reform-Prozess des „Synodalen Weg“ werden die Ausführungen der Heiligen Edith Stein zum Thema immer wieder zitiert, umso wichtiger ein Blick in die wörtlichen Ausführungen Steins zu diesem Thema.

 

Einführung (Dr. Beate Beckmann-Zöller)

Auch in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts haben katholische Frauen bereits diskutiert über die Frage, ob es möglich wäre, dass auch Frauen ein kirchliches Amt innehaben könnten. Edith Stein war Mitglied und Referentin imKatholischen Deutschen Frauenbund und im Verband der katholischen deutschen Lehrerinnen. Hier wurden intensiv Argumente ausgetauscht. Auch Edith Stein war in dieser Frage noch auf der Suche nach schlüssigen Antworten. Allerdings argumentierte sie in geschlechter-anthropologischen Fragen nicht als Theologin, die sie nicht war, sondern immer als Philosophin und Phänomenologin der Husserl-Schule, wenn sie bibel-theologische und fundamentaltheologisch-dogmatische Argumente in ihre Überlegungen einbezog. Dabei setzte sie seit ihrer Bekehrung zum Christentum 1918 und mehr noch seit ihrer Taufvorbereitung 1921 (Taufe am 1.1.1922) den gläubigen Grundgedanken voraus, dass alle Getauften Nachfolger Christi sind und auf den Heiligen Geist hören, der durch die Hl. Schrift, die Tradition der Kirche und die Charismen der Gläubigen spricht.

„Dogmatisch“ spreche nichts gegen das Priestertum von Frauen, heißt bei Edith Stein ganz einfach, dass es bisher keine Entscheidung des kirchlichen Lehramts dazu gab, weil bis zu Edith Steins Zeit darüber kein ernsthafter öffentlich-theologischer Streit in der Kirche geführt wurde. Das ist seit den 30er Jahren jedoch völlig anders. Die Frage wurde in europäischen und amerikanischen Ländern im Zuge der Frauenbewegung – der säkular-feministischen und dann der „Feministischen Theologie“ – auch in der Kirche diskutiert.

So kam es, dass Papst Johannes Paul II. 1994 in „Ordinatio Sacerdotalis“ – knapp unter der Stellung eines Dogmas – feststellte, dass die Kirche nach dem Zeugnis der Schrift und der Tradition keine Vollmacht habe, Frauen zu Priestern zu weihen. Das haben nach ihm Benedikt der XVI. und Franziskus bestätigt. In ihrer Theologischen Anthropologie Was ist der Mensch? (1933, ESGA 15) geht Edith Stein zwei Jahre nach ihrer ersten Aussage alle Dogmen systematisch durch, u.a. über die Geschlechtlichkeit des Menschen, erwähnt jedoch mit keinem Wort mehr die Frage des „Priestertums für die Frau“.[1]

Edith Stein wird im folgenden ersten – sehr bekannten – Zitat zur Zeugin des Frauenpriestertums stilisiert, auch in den Texten des Synodalen Wegs (2022). Allerdings wird sie dabei

  1. meistens verkürzt zitiert – ohne den Zusammenhang zu ihren triftigen Argumenten gegen ein Priestertum für Frauen,
  2. konnte sie die folgende lehramtliche Entwicklung in der Frage durch die nächsten Päpste nicht kennen, s.o., und
  3. macht Edith Stein die Geschlechterdifferenz hinsichtlich der Sichtbarkeit der Braut-Bräutigam-Symbolik an vielen Stellen ihres Werkes derart stark, dass sie – obwohl sie für viele gesellschaftliche Felder, u.a. der Politik, die Berufstätigkeit der Frauen unter der Berücksichtigung ihrer leib-seelischen Eigenart und dem Vorrang der Rücksicht auf die Familiensituation fördert – nicht als eine Verfechterin des Priesteramtes angesehen werden kann.

Um die Original-Texte Edith Steins besser einordnen zu können, werden sie im Anschluss jeweils kommentiert.

 

Edith Stein – Berufungen im Reich Gottes – Unterschiede für Männer und Frauen

Vortrag 1931 aus: Beruf des Mannes und der Frau nach Natur und Gnade, 1931, in: Edith Stein. Die Frau. Fragestellungen und Reflexionen, ESGA 13, S. 76f. (Herv. d. Beate Beckmann-Zöller)

„Von Priestern und Ordensleuten sagt man, auch dem gewöhnlichen Sprachgebrauch nach, daß sie besonders ‚berufen‘ sein müßten, das heißt, daß ein besonderer Ruf Gottes an sie ergangen sein müsse. Gibt es hierin einen Unterschied für Mann und Frau? Zum Ordensstand sind zu allen Zeiten Frauen wie Männer berufen worden, und wenn wir die mannigfach verzweigten Formen des heutigen Ordenslebens betrachten, die vielfältige äußere Liebestätigkeit, die in unserer Zeit auch von den weiblichen Orden und Kongregationen ausgeübt wird, so sehen wir einen wesentlichen Unterschied eigentlich nur noch darin, daß die eigentlich priesterliche Tätigkeit den Männern vorbehalten ist.

Damit stehen wir vor der schwierigen und vielumstrittenen Frage des Priestertums der Frau. Wenn wir das Verhalten des Herrn selbst in diesem Punkte betrachten, so sehen wir, daß er freie Liebesdienste für sich und die Seinen von Frauen annimmt, daß unter seinen Jüngern und nächsten Vertrauten Frauen sind – aber das Priestertum hat er ihnen nicht verliehen, auch nicht seiner Mutter, der Königin der Apostel, die an menschlicher Vollkommenheit und Gnadenfülle über die gesamte Menschheit erhoben war.

Frauen in der Geschichte der Kirche und heute

Die Urkirche kennt eine mannigfache caritative Tätigkeit der Frauen in den Gemeinden, eine starke apostolische Wirksamkeit der Bekennerinnen und Martyrinnen, sie kennt die liturgische Jungfrauenweihe und auch ein geweihtes kirchliches Amt, das Frauendiakonat, mit einer eigenen Diakonatsweihe[2] – aber das Priestertum der Frau hat auch sie nicht eingeführt. Die weitere geschichtliche Entwicklung bringt eine Verdrängung der Frauen aus diesen Ämtern und ein allmähliches Sinken ihrer kirchenrechtlichen Stellung – wie es scheint, unter dem Einfluß alttestamentlicher und römisch-rechtlicher Vorstellungen. Die neueste Zeit zeigt einen Wandel durch das starke Verlangen nach weiblichen Kräften für kirchlich-caritative Arbeit und Seelsorgshilfe.

Verlangen nach einem geweihten kirchlichen Amt

Von weiblicher Seite regen sich Bestrebungen, dieser Betätigung wieder den Charakter eines geweihten kirchlichen Amtes zu geben, und es mag wohl sein, daß diesem Verlangen eines Tages Gehör gegeben wird. Ob das dann der erste Schritt auf einem Wege wäre, der schließlich zum Priestertum der Frau führte, ist die Frage. Dogmatisch[3] scheint mir nichts im Wege zu stehen, was es der Kirche verbieten könnte, eine solche bislang unerhörte Neuerung durchzuführen.[4] Ob es praktisch sich empfehlen würde, das läßt mancherlei Gründe für und wider zu.

Gründe gegen das Priestertum der Frau: Jesus hat mit Frauen „etwas Anderes“ vor

Dagegen spricht die gesamte Tradition von den Urzeiten bis heute, für mein Gefühl aber noch mehr als dies die geheimnisvolle Tatsache, die ich schon früher betonte: daß Christus als Menschensohn auf die Erde kam, daß darum das erste Geschöpf auf Erden, das in einem ausgezeichneten Sinn nach Gottes Bild geschaffen wurde, ein Mann war – das scheint mir darauf hinzuweisen, daß er zu seinen amtlichen Stellvertretern auf Erden nur Männer einsetzen wollte. Wie er aber einer Frau sich so nahe verbunden hat wie keinem andern Wesen auf Erden, und sie so sehr zu seinem Bilde geschaffen wie keinen Menschen vorher und nachher, wie er ihr für alle Ewigkeit eine Stellung in der Kirche gegeben hat wie keinem andern Menschen, so hat er zu allen Zeiten Frauen zur innigsten Vereinigung mit sich berufen, als Sendboten seiner Liebe, als Verkünderinnen seines Willens an Könige und Päpste, als Wegbereiterinnen seiner Herrschaft in den Herzen der Menschen: einen höheren Beruf als den der sponsa Christi kann es nicht geben, und wer diesen Weg offen sieht, der wird nach keinem andern verlangen.“

 

Dazu eine Kommentierung von Dr. Beate Beckmann-Zöller:

Edith Stein diskutiert 1931 das „Diakonat“ der Frau als ein Amt für Frauen, das sie für denkbar hält. Das Priestertum für die Frau lehnt sie jedoch ab, denn sie differenziert klar – vor allem auch im unten zitierten 2. Text (1932) und 3. Text (1939) – das besondere Priestertum, das vom allgemeinen Priestertum aller Getauften unterschieden und allein Männern vorbehalten ist. Hintergrund für Steins Argumente ist ihr Verständnis des Phänomens der männlichen und weiblichen Geschlechtlichkeit. Vorweg muss man sagen, dass Edith Stein nicht von einer heute sogenannten „Zwangs-Heterosexualität“ oder „Zwangs-Zweigeschlechtlichkeit“ ausgeht, da sie bereits 1931 das Phänomen der „Intersexualität“ als Argument gegen eine starre Binarität in der Geschlechter-Anthropologie anführt.[1] Bei ihr heißt das in der Sprache ihrer Zeit „Zwitter“; gemeint sind Personen mit Geschlechtsorganen, die nicht eindeutig dem einen oder anderen Geschlecht zuzuordnen sind, über die Edith Stein wohl bereits als Teenager aus der Hautarztpraxis ihres Schwagers Max Gordon in Hamburg und dessen Bibliothek Bescheid wusste.[2]

Da es solche Phänomene gebe, so Edith Stein, könne man darüber diskutieren, ob man Mann-Sein und Frau-Sein nur als Typus oder als eigene Spzies ansehen könne. Sie selbst geht – philosophisch und dann auch theologisch vom Menschsein als Doppelspezies aus, und zwar dreistufig:
1. der großen Gemeinsamkeit im Menschsein,
2. den bereichernden, sich ergänzenden leiblichen und seelisch-geistigen Charakteristiken – nicht Stereotypen – des Mann- bzw. Frauseins, und
3. darin wiederum der unendlichen Vielfalt des Individuum-Seins.

Die Kategorie „Geschlechtlichkeit“ wird aber bei Edith Stein weder vernachlässigt noch einengend auf Lebensentwürfe angewandt, so dass eine Frau zwingend Mutter werden müsste. Vielmehr weitet Edith Stein die Vorgabe geschöpflicher „Geschlechtlichkeit“ durch die besonderen christlichen Berufungen jeweils entweder zur Ehe oder zur Ehelosigkeit um des Reiches Gottes willen:  In der Ehe werden Frau und Mann Braut und Bräutigam im Sakrament, das sie sich im Wort und durch die sexuelle Ergänzung im Geschlechtsakt spenden und damit (potenziell) zu Mutter und Vater werden oder zum Verzicht auf die sexuelle Betätigung ihrer leiblichen Geschlechtsorgane und zur Wahl der Lebensweise als  „Braut Christi“ – auch der Ordensmann und der Priester außerhalb des Mess-Opfers sind im symbolischen Sinne „Braut“ Christi, wodurch sie zu „geistlichen Vätern bzw. Müttern“ werden.

Edith Stein geht von einem besonderen symbolischen Sinn der Geschlechter aus, den Gott in der Schöpfung grundgelegt und Christus (und der Heilige Geist) bestätigt hat: Dadurch, dass Jesus Mann wurde und Männer zu Aposteln wählte – und ihnen im Abendmahlssaal das Sakrament der Eucharistie und nach seiner Auferstehung das Sakrament der Sündenvergebung / Beichte – in persona Christi, an Christi Stelle – anvertraute. Hingegen hat er Jünger und Jüngerinnen zu seinen Nachfolgern in der Kraft des Hl. Geistes ausgewählt, zu Lebzeiten (Lk 8,1ff.) und dann nach seiner Auferstehung durch die Ausgießung des Heiligen Geistes auf Männer und Frauen und damit zum Empfang der Charismen (1 Kor 12 und 14): im Pfingstsaal werden explizit „Maria und die Frauen“ – Apg 1, 14 genannt.

Wenn Edith Stein vom Diakonat der Frau spricht, dann bezieht sie sich auf das Diakonat, das es für Frauen in der frühen Kirche gab. Es war ein eigenes Amt für Frauen, das nicht mit dem Amt des Priesters und des Bischofs vergleichbar war. Diakonissen hatten in einer streng geschlechter-getrennten Gesellschaft die Aufgabe, Mädchen und Frauen zu evangelisieren, sie zu unterrichten über die biblische und kirchliche Lehre, sie zur Taufe zu führen und sie in die Lebensweise als Christinnen zu begleiten und zu bestärken. Das „Amt“ der Diakonin war letztlich das einer modernen Katechetin, einer Religionslehrerin, einer Evangelistin, einer Pastoral-Assistentin, die durch Bekehrung und gläubige Lebensweise eines Laien in der Kirche und mit der Kirche lebt, aus der Praxis der Sakramente und im Miteinander und der Ergänzung zum Priesteramt. So etwas wird Edith Stein vorgeschwebt sein, als sie von einem Amt der Diakonin sprach.

„Die Größe des allen Getauften gemeinsamen Priestertums“

Am 4.10.2015 betonte Papst Franziskus in „Identität und Sendung des Ordensbruders in der Kirche“[3] im Abschnitt „Ausübung des Taufpriestertums“ das sogenannte „allgemeine Priestertum“, das uns Christen durch Taufe und Firmung verliehen ist, allen Christen; besonders betont wird dieses allgemeine Priestertum in der Weihe der Ordensfrauen, der Geweihten Jungfrauen (die nicht in Klöstern bzw. Orden leben) und der Ordensmänner, die nicht Priester sind. Franziskus schreibt: „Das Zweite Vatikanische Konzil hat den Reichtum der Taufe und die Größe des allen Getauften gemeinsamen Priestertums hervorgehoben und auf die wechselseitige Beziehung zwischen Tauf- und Amtspriestertum hingewiesen, und daran erinnert, dass dieses Letztere wesentlich auf das Priestertum aller Gläubigen hin und diesem zugeordnet ist.[48] Indem der Ordensbruder [oder Ordensschwester oder Geweihte Jungfrau, BBZ] seinen Laienstand durch eine spezielle Weihe lebt, ist er Zeuge für den Wert des bei der Taufe und der Firmung empfangenen gemeinsamen Priestertums: »Er hat uns zu Königen und Priestern gemacht vor Gott, seinem Vater« (Offb 1,5-6). Die Ordensweihe an sich stellt das allgemeine Priestertum der Getauften bereits in Fülle dar. Die wesentliche Handlung dieses Priestertums besteht in der Darbringung des geistigen Opfers, in dem sich der Christ Gott als lebendiges und wohlgefälliges Opfer (Rom 12,1) darbringt, als Antwort auf seine Liebe und zu seiner Verherrlichung.“

Wie ist das bei den Diakonen? Trotz der Diakonen-Weihe und der dadurch begründeten Zugehörigkeit zum Amt – im Unterschied zur Weihe der Ordensmänner und Ordensfrauen – geht die sakramentale Kompetenz des Diakons nicht grundsätzlich über die der Laien hinaus, die ihnen durch die Tauf- und Firmgnade verliehen wurde. Ein Diakon tut, was alle Laien tun könnten. Der Diakon tritt nicht in eine priesterliche Repräsentation „in persona Christi capitis“ – als der Bräutigam – der Gemeinde – als der Braut – gegenüber. Innerhalb des dreistufigen Amtes – Diakon, Priester, Bischof – „veramtlicht“ und repräsentiert der Diakon das allgemeine Priestertum der Laien. Es verschwindet mit dem Amt nicht, sondern wird in die Ordnung des Klerus – als des Gegenübers zu den Laien – aufgenommen. Das Augustinus-Wort „für euch Bischof, mit euch Christ“ drückt diese Dialektik von allgemeinem Priesteramt und dem besonderen, sakramentalem Priesteramt aus.

Vom Gedanken des Bräutigams und der Braut her, bei dem die symbolische Geschlechtlichkeit nicht aufgelöst wird, wenn auch überschritten – da ja auch Laien-Männer Teil der Gemeinde, also der „Braut“, sind –, wäre zwar ein eigenes kirchliches Amt der Diakonissin denkbar und wurde bzw. wird in orthodoxen Traditionen verliehen. Nicht denkbar ist jedoch ein Priesteramt der Frau, und zu keiner Zeit und in keiner Tradition wurde das sakramentale Priesteramt jemals Frauen übertragen. Der Grund dafür liegt in der symbolischen Bedeutsamkeit der Kategorie „Geschlecht“, die als Reverenz gegenüber Gott, unserm guten und weisen Schöpfer, verstanden werden kann.

In der konkreten Geschlechtlichkeit des Priesters am Altar als Mann ruht ein tiefer Sinn, der nicht eingeebnet werden soll durch das Verlassen der Sichtbarkeit des natürlichen Geschlechts. Dass Gott Mensch wurde und zwar in konkreter Geschlechtlichkeit Mann, soll für unsere Sinne nicht abstrakt werden durch die Austauschbarkeit der Person, dadurch dass es heute ein Mann, morgen eine Frau ist, die am Altar in Stellvertretung Christi das Mess-Opfer vollzieht. Edith Stein will also eben nicht sagen, das Mann-Sein Jesu sei irrelevant, so dass auch das Mann-Sein seiner Stellvertreter zu vernachlässigen sei. Denn sie bekennt es als sinnvolle und dem Menschen dienende Wohltat des Schöpfers, die leibliche Differenz von Männern und Frauen in die Schöpfung bewusst hineingelegt zu haben. Erst wenn beide in positiver Ergänzung wirken, stellen sie ein leuchtend-anziehendes Abbild Gottes für Menschen dar, die Gott noch nicht kennen.

Allerdings könne die Grenze der natürlichen Differenz, so Edith Stein, – zumindest was seelisch-charakterliche Geschlechter-Stereotypen betrifft – durch den Verzicht auf die sexuelle Betätigung (Keuschheit um des Reiches Gottes Willen) bis zu gewissen Graden von menschlicher Seite her überwunden werden – allerdings nicht ohne Gnadenunterstützung durch das Vorbild Christi und die Kraft des Heiligen Geist.[4] So können geistliche Frauen in der Christus-Nachfolge besonders mutig sein und Heldentaten vollbringen, oder geistliche Männer ihre weibliche Seite an Einfühlsamkeit zum Wohl der Kirche einbringen. Edith Stein meint aber gerade nicht, dass es eine willkürliche und daher veränderliche Entscheidung Jesu und der frühen Kirche war, ausschließlich Männer zum Priestertum zu berufen.

Diakon, Priester, Bischof

Wenn man von der Dreistufigkeit der Ämter ausgeht, dann schließt sich der Gedanke an eine Diakonissinnen-Weihe aus, weil sie dann eine Vorbereitung auf eine Priesterinnen-Weihe wäre. Das ist aus sakramental-theologischen und anthropologischen Gründen her nicht mehr christlich im katholisch-orthodoxen Sinne. Gleichwohl drängen Frauen, die heute auf dem Synodalen Weg das Diakonissen-Amt „fordern“, meistens darauf, in der nächsten Generation dann auch das Priesteramt durchsetzen zu wollen. Wenn man jedoch von einem speziellen Amt für Frauen ausgehen könnte, das allein Frauen – die mit der Kirche leben und in der lebendigen katholischen Tradition stehen – im Sinne eines Dienstes ausüben, wäre ein Diakonat der Frau denkbar; sie würde jedoch dann zum Klerus gehören. Ob ein Zusammenwirken von Frauen und Männern im Klerus fruchtbar für die Kirche sein könnte, darüber bin ich mir unsicher; wahrscheinlich müssen wir sicher noch eine Weile im Laienstand üben … und zwar nicht nur die Frauen.

Bis es soweit wäre, dass die gesamte Weltkirche ein fruchtbares, tugendhaftes Zusammenwirken von nach Heiligkeit strebenden Männern und Frauen so sehr eingeübt hat, dass man einen Schritt in Richtung Diakonat der Frau gehen könnte, gibt es jedoch genug Dienste, die Frauen in der Kirche tun können. Edith Stein zählt auf, wozu Frauen in der Tat die ganze Kirchengeschichte hindurch berufen waren und auch heute sind:

  • zur innigsten Vereinigung mit Christus“, also im Gebet bis hin zur mystischen Hochzeit eins mit Gott zu sein; praktisch: Gründerin und Leiterin von Gebetskreisen.
  • als „Sendboten seiner Liebe“, also als Evangelistinnen im Wort und in der caritativen Tat; praktisch: Religionslehrerinnen, Sozialarbeiterinnen…
  • als „Verkünderinnen seines Willens an Könige und Päpste“, d.h. als Gestalterinnen in Gesellschaft und Kirche (wie z. B. Caterina von Siena oder Birgitta von Schweden, Mit-Patroninnen Europas wie auch Edith Stein selbst); praktisch: als Politikerinnen, Managerinnen …
  • als „Wegbereiterinnen seiner Herrschaft in den Herzen der Menschen“, d.h. als Lehrerinnen, Professorinnen, Katechetinnen, engagierte Berufstätige und kritische Bürger, die in Kirche und Welt Menschen zu Jesus Christus führen, sie im Glauben an ihn festigen und die Gesellschaft christlich formen.

Edith Stein – „Jesus lieben als seine Braut – das können Männern und Frauen“

Vortrag 1932 us: „IV. Frauenleben im Lichte der Ewigkeit, in: Christliches Frauenleben. 4 Vorträge gehalten für die Katholische Frauenorganisation in Zürich, Januar 1932, in: Edith Stein Gesamtausgabe (ESGA) Band 13, S. 110. (Herv. d. Beate Beckmann-Zöller)

„Wir haben früher die Frage aufgeworfen, ob ein prinzipieller Unterschied besteht zwischen der Weihe der Frau zur sponsa Christi und der Weihe des Mannes zum Stellvertreter Christi im Priester- und Ordensstand. Ich glaube, daß da, wo die Übergabe an den Herrn rein und ganz vollzogen ist, bräutliche Liebe der Seele beim Mann wie bei der Frau das Grundlegende sein muß. Und wo zum Ordensberuf nicht das Priestertum hinzukommt, d. h. bei den Laienbrüdern, da wird man sicherlich diese Einstellung um so reiner finden, je weiter sie im inneren Leben fortgeschritten sind.

Für den Priester aber besteht die Verpflichtung, immer wieder gewissermaßen den vertrauten Verkehr mit dem Herrn zu verlassen, um an seiner Stelle und für ihn zu lehren, zu richten, zu kämpfen. Und es ist menschlich begreiflich, wenn dahinter die bräutliche Einstellung zurücktritt, die doch erhalten bleiben muß, wenn das Eintreten für den Herrn wirklich in seinem Geiste geschehen soll. Vielleicht kann man von hier aus einen Zugang zu der geheimnisvollen Tatsache finden, daß Gott die Frauen nicht zum Priestertum berufen hat. Es mag auf der einen Seite als Strafe dafür aufgefaßt werden, daß die erste Auflehnung gegen den göttlichen Willen von einer Frau geschah. Es kann aber auf der anderen Seite als ein besonderer Gnadenvorzug betrachtet werden, daß der Herr die ihm geweihte Braut niemals von seiner Seite lassen will, daß ihr alle Macht in seinem Reich aus der liebenden Vereinigung mit ihm, nicht durch eine übertragene Amtsgewalt zukommen soll: ein Abbild jener innigsten Liebesgemeinschaft, die er je mit einem Menschen eingegangen, der Vereinigung mit der Gottesmutter.“

 

Dazu eine Kommentierung von Dr. Beate Beckmann-Zöller:
Edith Stein thematisiert im Text von 1932 das Argument, dass Frauen vom besonderen Amts-Priestertum ausgeschlossen seien, weil durch die Sünde der Ur-Mutter Eva das gesamte weibliche Geschlecht zu strafen sei. Durch den neuen Adam – also Christus – kam jedoch die Erlösung und damit die Vergebung der Sünden der Ur-Eltern, so dass für das NT und das Christentum eine „Strafe“ für die Ursünde keine Begründung mehr sein kann für die einseitige Berufung zum Priesteramt nur für Männer. Es muss eine positive beide Geschlechter wertschätzende Begründung geben. Edith Stein findet sie in der besonderen Qualität der „bräutlichen Liebe“, des vertrauten Umgangs mit Christus im geistlichen Leben, die Nicht-Priester, also Laien-Männer und Laien-Frauen, intensiver genießen können als Priester.


Edith Stein – Eine andere Vollmacht als männliche Priester: Frauen, die beten

1939 – Ansprache Edith Steins vor ihren Mitschwestern zu Beginn des II. Weltkriegs, 1939. Aus „Kreuzerhöhung 14.9.1939“, in: Geistliche Texte II, Edith-Stein-Gesamtausgabe 20, S. 121f. (Herv. d. Beate Beckmann-Zöller)

„Die Welt steht in Flammen. Drängt es dich, sie zu löschen? Schau auf zum Kreuz. Aus dem offenen Herzen quillt das Blut des Erlösers. Das löscht die Flammen der Hölle. Mache dein Herz frei durch die treue Erfüllung deiner Gelübde, dann ergießt sich die Flut der göttlichen Liebe in dein Herz, bis es überströmt und fruchtbar wird bis an alle Grenzen der Erde. Hörst du das Stöhnen der Verwundeten auf den Schlachtfeldern im Westen und Osten? Du bist kein Arzt und keine Schwester und kannst die Wunden nicht verbinden. Du bist eingeschlossen in deiner Zelle und kannst nicht zu ihnen gelangen. Hörst du den Angstruf der Sterbenden? Du möchtest Priester sein und ihnen beistehen. Rührt dich der Jammer der Witwen und Waisen? Du möchtest ein Engel des Trostes sein und ihnen helfen. Schau auf zum Gekreuzigten. Bist du Ihm bräutlich verbunden in treuer Beobachtung deiner heiligen Gelübde, so ist dein Sein kostbares Blut. Ihm verbunden bist du allgegenwärtig wie Er. Nicht hier oder da kannst du helfen wie der Arzt, die Krankenschwester, der Priester. An allen Fronten, an allen Stätten des Jammers kannst du sein in der Kraft des Kreuzes, überallhin trägt dich deine erbarmende Liebe, die Liebe aus dem göttlichen Herzen, überallhin sprengt sie Sein kostbares Blut – lindernd, heilend, erlösend. Die Augen des Gekreuzigten schauen auf dich herab – fragend, prüfend. Willst du aufs neue in allem Ernst den Bund mit dem Gekreuzigten schließen? Was wirst du Ihm antworten? […] Ave, Crux, Spes unica!“

 

Dazu eine Kommentierung von Dr. Beate Beckmann-Zöller:

Ein tiefes Geheimnis, das eine christliche Grund-Wahrheit ist, formuliert Edith Stein 1939, das uns hilft, die Unterschiedlichkeit der Berufungen von Männern und Frauen zu verstehen. Sie spricht – zum Anlass der Erneuerung der Gelübde ihrer Mitschwestern im Karmel Echt/Niederlande, in den sie kurz zuvor aus Deutschland geflohen war, über das Geheimnis von menschlicher Macht und übernatürliche, dem Menschen von Gott verliehene Vollmacht. Kurz zuvor hatte der II. Weltkrieg im September 1939 begonnen – die Schwestern möchten aktiv werden, den Menschen helfen. Aber sie haben sich dem kontemplativen Leben geweiht, dem Gebet, nicht der Aktion. Edith Stein hilft ihnen, ihr Verlangen nach „menschlicher Macht“ – also etwas konkret „machen“ zu können als Krankenpflegender, Arzt oder Sakramenten-spendender Priester – zu verstehen und diesem Verlangen die „übernatürliche Vollmacht“ gegenüberzustellen – also etwas im Gebet durch göttlichen Auftrag bewirken zu können. Und sie fordert sie auf, genau dieses zweitere, die geistliche Vollmacht im vertrauten Umgang mit Christus als seine Braut zu wählen, sich also neu zur eigenen Berufung zu stellen. Die Vollmacht einer betenden Frau – genauso wie eines betenden Mannes – bedeutet, dass sie allgegenwärtig sein kann, während der Priester jeweils nur an einem Ort bei einer Person nach der anderen sein kann.


 

Quellen:

[1] ESGA 15, S. 17f. Vgl. Beckmann-Zöller, Einführung, ebd., XXVII. Sie nutzte die folgende damals aktuelle  Quelle: Denzinger, Heinrich / Bannwart, Clemens, Enchiridion symbolorum, definitionum et declarationum de rebus fidei et morum, Freiburg 1928

[2] Kommentar BBZ: Hier ist jedoch nicht die Dreistufigkeit der Ämter „Diakon, Priester, Bischof“ gemeint, sondern tatsächlich ein „eigenes Amt für Frauen“, das keine weitere Stufe kannte und vom Wesen her auch nicht kennen kann.

[3] Kommentar BBZ: „Dogmatisch“ bedeutet hier bei Edith Stein, dass es bis dato (1931) keine Streitfrage in der Weltkirche über diese Frage gab, so dass das katholische Lehramt / der Papst eine dogmatische Entscheidung hätte herbeiführen müssen. Es gab zu Edith Steins Zeit kein explizites Dogma, dass ein Priester ein Mann sein müsse. Das ist jedoch in der Zeit nach Edith Stein anders. Die Frage wurde in Kirche und Theologie stark diskutiert, so dass Johannes Paul II. 1994 in „Ordinatio Sacerdotalis“ bestätigte – knapp unter der Stellung eines Dogmas –, dass die Kirche keine Vollmacht habe, Frauen zu Priestern zu weihen. Das haben nach ihm Benedikt der XVI. und Franziskus bestätigt.

[4] Kommentar BBZ: Edith Stein formuliert in diesem Vortrag für theologische Standards ungenau. Insgesamt geht sie in ihrem Werk, vor allem ihrer Untersuchung der Dogmengeschichte zur Theologischen Anthropologie (1933, ESGA 15), nicht davon aus, dass die Kirche „willkürliche“ Neuerungen, vor allem nicht dogmatischer Art die Glaubensinhalte betreffend, einführen könne. Das wäre ein fehlgeleitetes Verständnis von Dogmatik, in der es vielmehr darum geht, bestehende Glaubensinhalte anhand des Zeugnisses von Schrift und Tradition und anlässlich von Streitfragen neu zu durchdenken und in vernünftige Form zu fassen.

[5] ESGA 13, S. 152.

[6] In ihrer Autobiographie „Aus dem Leben einer jüdischen Familie“ (ESGA 1, S. 109) erwähnt sie, dass sie in Hamburg Bücher las, die nicht für ihr Alter bestimmt waren, d. h. sie drehten sich um das Thema Sexualität und – in der Bibliothek des Hautarztes – um Geschlechtskrankheiten.

[7] Kongregation für die Institute geweihten Lebens und für die Gesellschaften apostolischen Lebens

an die männlichen Ordensleute, die keine Priester sind, im Pontifikat von Papst Franziskus, 4. Oktober 2015 (Quelle: Identität und Sendung des Ordensbruders in der Kirche, Libreria Editrice Vaticana 2015, 83 Seiten; ISBN 978-88-209-9715-1) »Ihr alle aber seid Brüder« (Mt 23,8 EU).

[8] „Das Herauswachsen über die natürlichen Grenzen, das höchste Gnadenwirkung ist, kann aber niemals erreicht werden durch einen eigenmächtigen Kampf gegen die Natur und durch Leugnung der natürlichen Grenzen, sondern nur durch demütige Unterwerfung unter die gottgegebenen Ordnungen.“ ESGA 13, 78.


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