Wieso wir von Gründonnerstag bis Ostern ein Geheimnis feiern 

Für das Alte Testament ist der Tod vor allem Beziehungsabbruch. Zu Gott. Zum Mitmenschen. Als Jesus stirbt, wird Gott in dieser Isolation als Lebendiger gegenwärtig: Der Tod des Verlorenen ist nie mehr gottlos. Durch den Liebestod des absolut Lebendigen stirbt der Tod: Das Paradox von Ostern. Tod und Auferstehung: Momente eines einzigen Geheimnisses.

Palmen und Passion – ein Rückblick auf den Beginn der Karwoche

Haben Sie sich schon einmal gefragt, wieso an Palmsonntag die Passion gelesen wird und in derselben Liturgie vorgeschaltet die Palmprozession stattfindet und das Palmsonntagsevangelium? Eigentlich doch seltsam, oder? Weil nicht leicht zu verstehen, lassen die Passion mittlerweile nicht wenige – auch gegen die Vorgaben der offiziellen Liturgie – einfach weg. Denn das Evangelium des Einzugs an dieser Stelle ist ja – so scheint es – unmittelbar verständlich. Wir gedenken dieses Einzugs – eines Ereignisses also. Das wirkt sinnvoll und einleuchtend. Die Passion ist dann ein etwas unmotivierter Vorgriff, vielleicht eine Art Vorblick auf das Kommende. Jedenfalls scheint der Einzug „natürlich“, die Passion irgendwie „sekundär“. 

Aber der Schein trügt! Tatsächlich lagern sich hier gleich mehrere Schichten liturgischer Entwicklung übereinander. Und es gilt ein „Gesetz“, das der bedeutende Liturgiehistoriker Anton Baumstark (deshalb geläufig als „Baumstarksches Gesetz“) formuliert hat. Sinngemäß:

„In liturgisch hochwertiger Zeit erhält sich liturgisch ältestes Gut.“

Liturgisch hochwertige Zeit? Haben wir! Es ist schließlich der Beginn der Karwoche, der zentralen Feier des Kirchenjahrs mit ihrer Aufgipfelung in der „Vigil der Vigilien“ der Osternacht. Und ältestes Gut ist eben die (erste) Passion – die Grundschicht in der Schichtenfolge. Das heißt: Der altrömische „Palmsonntag“ kannte weder Palmen, noch Prozession, noch Einzugsevangelium.

Wo kommen die her? Sie wachsen zu – und der Ursprung dieses Wachstums liegt nicht in Rom, sondern in Jerusalem. Klar, ab dem 4. Jhdt. wird heftig gepilgert. Seit Konstantin ist das ja auch viel einfacher möglich. Und ebenso klar: Die Liturgie, die sich dort, in Jerusalem, entwickelt, knüpft viel stärker als sonstwo an Orte und Ereignisse an. So erfährt hier die Feier des Mysteriums eine gewisse „Historisierung“: die Ereignisse und Stationen der Geschichte im Evangelium werden jetzt auch in der Gestalt der Liturgie stärker sichtbar. Und die Pilger bringen diese (starken) Eindrücke mit in die Heimat. Und so wird die Urschicht mit einer zweiten Schicht überlagert. Aber in Rom bleibt zugleich die Urschicht bestehen.

Bleiben wir noch etwas bei dieser „Urschicht“! Wer in einen alten, „vorkonziliaren“ „Schott“ schaut, der findet als Evangelientexte der ersten Wochenhälfte der Karwoche einfach die weiteren synoptischen Passionstexte nach Markus und Lukas. Auch hier gilt wieder Baumstarks Gesetz vom ältesten Gut in hochwertiger Zeit! Damit ergibt sich jetzt ein Bild: Die erste Hälfte der altrömischen Karwoche war von ihren zentralen Texten her nichts anderes als Passionsgedenken. Durchgehend. Archaisch. Ungeheuer konzentriert – und deshalb von elementarer Wucht. Fast möchte man sagen: Muss man aushalten können…. 

Und doch: Immer die Feier des ganzen Ostermysteriums

Wie haben die, die am Ursprung dieser Gestalt der Liturgie mit ihrem fokussierten Passionsgedenken stehen, das verstanden? Man muss da gar nicht wüst spekulieren. Die Antwort liegt in der dichten Interaktion der liturgischen Texte, die gewählt wurden, um die Passion zu begleiten. Die Epistel des Palmsonntags war der hymnische Text aus dem Philipperbrief des Paulus (Phil 2, 5-11), der das Geheimnis Christi als radikale Entäußerung, schon in der Menschwerdung, schließlich bis zum Tod am Kreuz, dann aber als Erhöhung zum Kyrios („Herr“) über den ganzen Kosmos umschreibt. Wenn man will: Das Geheimnis Jesu gefasst in eine einzige Bewegungsfolge mit den Momenten der tiefsten Tiefe und der höchsten Höhe. Überdies (2,5!) als das Geheimnis, das die Existenz jedes Christenmenschen formen soll. Mit einem Wort: Hier ist das Ganze des österlichen Geheimnisses (einschließlich seiner Folgen für die christliche Existenz) ausgesagt.

Im Philipperhymnus werden Passion und Ostern als Einheit zusammengeschaut – und diese Einheitsschau wird programmatisch der Passion vorangestellt. Auch die Collecta (das Tagesgebet) ist von dieser Einheitsschau geprägt. Heißt: Wir feiern schon am Palmsonntag das ganze österliche Geheimnis, das ganze „Paschamysterium“. Diese Einheit wird die ganze Feier der Karwoche bestimmen – allerdings jeweils unter einem hervorgehobenen Aspekt: als doppelte Überlieferung der Heilsgeheimnisse Jesu am Gründonnerstag, als Kreuzessieg am Karfreitag, als Durchbruch zum Leben an Ostern. Aber dies alles im Licht der Einheit des Paschamysteriums. Auch die zweite Schicht des Palmsonntags hat diesen doppelten Charakter: Wir begleiten Jesus im Gedenken an seine kommende Passion – aber schon zugleich auf dem österlichen Weg ins himmlische Jerusalem. Denn das Mysterium ist immer ganz.


Dr. theol. Martin Brüske
Martin Brüske, Dr. theol., geb. 1964 im Rheinland, Studium der Theologie und Philosophie in Bonn, Jerusalem und München. Lange Lehrtätigkeit in Dogmatik und theologischer Propädeutik in Freiburg / Schweiz. Unterrichtete bis 2025 Ethik am TDS Aarau. Martin Brüske ist Mitherausgeber des Buches “Urworte des Evangeliums”


Beitragsfoto: Kuppel über dem Heiligen Grab in Jerusalem ©Christian Offenberg / Alamy

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