Die Kirche in Deutschland steckt in ihrer tiefsten Krise seit der Reformation, während weltweit die Zahl der Katholiken steigt. Für Bernhard Meuser ergeben sich drei strategische, einander ausschließende Optionen, wie man mit dieser Krise umgehen kann. Ein Plädoyer.

360.000 Katholiken haben im Jahr 2021 die Solidargemeinschaft „Katholische Kirche“ in Deutschland verlassen, so viel wie nie zuvor: 30,9 Prozent wegen der Kirchensteuer, 51,9 Prozent weil sie mit der Institution Kirche nicht (mehr) einverstanden waren. In Summe haben wir es mit der Manifestation einer globalen Entfremdung zu tun. Während weltweit die Zahl der Katholiken immer noch steigt, befindet sich die Kirche in Deutschland in ihrer tiefsten Krise seit der Reformation. Bei näherer Betrachtung der Möglichkeiten, wie man mit der existenzbedrohenden Krise umgehen kann, ergeben sich genau drei strategische Optionen. Die drei Wege unterscheiden sich fundamental voneinander und sie schließen sich (bei geringen Überschneidungen) im Kern klar voneinander aus.

  • Es gibt den Weg der Assimilation …,
  • den Weg der Restauration …
  • und den Weg der Mission. 

Der Weg der Assimilation

Seit Jahrzehnten vertrauen weite Kreise in der Kirche dem Weg der Assimilation oder der assimilierenden Anpassung an Annahmen und Handlungsweisen, die über die Breite der Bevölkerung hin als „normal“ oder „üblich“ angesehen werden. Begründet wird die Strategie mit einem Moderne-Defizit der Kirche, das zu beheben die Kirche wieder zeitgenössisch machen und auf Augenhöhe mit Menschen von heute bringen würde.

Obwohl der Zusammenhang christlichen Handelns mit dem, was viele Menschen als gut und richtig ansehen, nicht zerrissen werden darf – man würde sonst bei einer sektenhaft abgehobenen ethischen Elite landen -, kann sich daraus eine Normativität des Faktischen ergeben. Die Kirche verliert die Balance. Orientierend sind plötzlich kirchenfremde Einflüsse und Leitbilder – nicht mehr das Evangelium. Wolfgang Huber hat das selbstreferentielle Bella-figura-Machen der Kirche, das Hinterherhecheln einer verunsicherten Institution hinter den Modernestandards einer Gesellschaft, die sich ihrerseits in einem schwindelerregenden Transformationsprozess befindet, mit dem treffenden Terminus „Selbstsäkularisierung“ belegt.

Bisheriger Höhepunkt dieser Strategie progressiver Anpassung ist der Synodale Weg, der den Abbruch des Glaubens in einer fundamentalistischen Blockade gegenüber Aufklärung, Freiheit und Autonomie verortet, und sogar den finalen Auslöser der Kirchenkrise – das Offenbarwerden von (zumeist gleichgeschlechtlichem) Missbrauch – dem Modernedefizit der Kirche anlastet.

„Gleicht euch nicht dieser Welt an“

Gegen den Weg der Assimilation spricht Röm 12,2: „Gleicht euch nicht dieser Welt an, sondern wandelt euch und erneuert euer Denken, damit ihr prüfen und erkennen könnt, was der Wille Gottes ist: was ihm gefällt, was gut und vollkommen ist.“ Die Lösungsstrategie, nicht länger die Heilige Schrift und die kontinuierliche Lehre der Kirche zum Ausgangspunkt christlicher Identität zu nehmen, sondern sich an einer zutiefst ambivalenten „Moderne“ zu orientieren, wird bezahlt mit dem Verlust an Gestalt und Profil. Die Kirche unterscheidet sich nicht mehr; sie verschwimmt im Allgemeinen. Sie stellt keine alternative Option mehr dar. Man braucht sie nicht mehr, um sich zu unterscheiden.

Der Weg der Assimilation hat sich überdies im historischen Experiment als erfolglos erwiesen. Nahezu alle Optionen der progressiv sich verstärkenden assimilativen Reformkräfte sind in den evangelischen Landeskirchen realisiert; es gibt dort weder eine sakramental-hierarchische Struktur, noch den Zölibat, noch ein unfehlbares Lehramt; Frauen sind „Pastor:Innen“, homosexuelle Menschen werden kirchlich getraut; Räte bestimmen eine demokratisch verfasste, durchgängig genderisierte Kirche; und die theoretischen Köpfe sind fester im linksgrünen Weltbild, als im Neuen Testament verankert. Nur verlassen die Menschen die evangelische Kirche noch schneller als die katholische. Papst Franziskus betrachtet die Imitationsbemühungen mit Skepsis: „In Deutschland gibt es eine sehr gute evangelische Kirche. Wir brauchen nicht zwei davon.“

Der Weg der Restauration

Angesichts dieser absehbaren Fehlstrategie formiert sich der Weg der Restauration immer stärker. Der Zerfall authentischer, schöner Liturgie ruft die Sehnsucht nach der Alten Messe hervor – ein Faszinosum vor allem für junge Leute. Die päpstliche Zurückhaltung in Hinsicht auf Lehre und Disziplin ermuntert zur Rückbesinnung auf die Vorgängerpäpste. Je rabiater sich die Aufklärung auf den „Geist des Konzils“ beruft, desto entschiedener verwerfen die Restaurativen das Konzil als Ganzes und sehen in ihm die Ursache aller Wirren. Auch die weniger radikalen Kräfte der Restauration leben von der Fiktion, früher sei alles besser gewesen; man müsse nur zurück in die acies ordinata, die klassische Schlachtordnung, um in einer Art von Krieg die Seelen wieder zu gewinnen.

Der Weg der Restauration ist deshalb nicht gangbar, weil es Sünde gegen den Heiligen Geist ist, dem Zweiten Vatikanischen Konzil Geltung abzusprechen. Bis heute wurde im Kontext der Restauration Lumen Gentium nicht wirklich rezipiert; man hat nicht verstanden, dass die Kirche Gemeinschaft, Teilhabe und Sendung aller bedeutet. Der Weg der Restauration ist kein „syn ’odos“ – kein gemeinsamer Weg – er führt geradewegs zurück in die vertikale Spaltung zwischen handelnden Klerikern und konsumierenden Laien. Er führt zurück in die Betreuungs- und Versorgungskirche, die zu überwinden uns das Konzil aufgetragen hat. Da die betreute Konsumentenkirche nur mehr wenige Priester hervorbringt, sollen nichtgeweihte Funktionsträger als die neuen „Kleriker“ die Struktur erhalten und ersetzen, was sie nicht ersetzen können: das sakramentale Herz der Kirche.

Weg der Mission

Es gibt tatsächlich nur einen Weg, der von den „Assimilatoren“ wie von den „Restauratoren“ gleichermaßen misstrauisch beäugt wird: den Weg von Papst Franziskus, den Weg von Evangelii Gaudium, den synodalen Weg der Mission. Dieser Weg der Mission lehnt jede Form strukturkonservativer Bewahrung von Besitzständen ab; er ist strukturkritisch. Er wartet nicht bis die Gesellschaft die Sozialform der Kirche in Frage stellt, sie gar in immer neuen Aufkündigungen zerlegt. Der Weg der Mission rechnet mit dem Ende der Volkskirche; er hängt nicht länger der Fiktion einer mächtigen Mitgliederorganisation an. Er rechnet mit dem „Abstieg“ in eine ärmere, machtlosere, ungeschütztere Kirche, die sich mehr auf die Verheißungen Christi stützt als auf Bürokratien und Beton, bürgerliches Einvernehmen und gesellschaftliches Wohlwollen.

In kleinen Zellen die Erneuerung suchen, sich mit Nachbarn und Freunde in den Glauben vertiefen, mit ihnen die „Freude des Evangeliums“ entdecken – das erst wird eine Kirche verändern, die mit Marketing und professionellen Top-down-Mustern nicht mehr die Herzen der Leute erreicht. Eine so erneuerte Kirche wird in einer noch unbekannten neuen Gestalt aus dem Turnaround hervorgehen: Nicht mehr Zahlen werden ihr Geltung verschaffen, sondern Zeugnisse von Personen, die in der Hingabe an Gott leben und selbstlos für die Menschen da sind. Überzeugungen werden den Bestand der Kirche sichern, nicht mehr Privilegien. Die Kirche, die sich bewusst dafür entscheidet, sich von „Konvention“ in „Option“ zu verwandeln, kann nur gewinnen: Sie wird zwar kleiner, dafür aber markanter, persönlicher, entschiedener, geisterfüllter und kraftvoller sein, als sie es in den Jahrzehnten der faulen Kompromisse je war.

Der Weg der Mission bezieht alle ein, die sich in persönlicher Umkehr und Bekehrung auf den Weg der Nachfolge Christi begeben möchten. Ihr gemeinsames Ziel: Bei sich selbst anfangen mit dem signifikant neuen Leben (Kol 1,10), das wir in den Apostelbriefen beschrieben finden, um möglichst schnell in einen kollektiv einladenden Zustand des Glaubens zu kommen. „Ich träume“, sagt auch Papst Franziskus, „von einer missionarischen Entscheidung, die fähig ist, alles zu verwandeln, damit die Gewohnheiten, die Stile, die Zeitpläne, der Sprachgebrauch und jede kirchliche Struktur ein Kanal werden, der mehr der Evangelisierung der heutigen Welt als der Selbstbewahrung dient.“

Think big! Think missionary!


Bernhard Meuser
Jahrgang 1953, ist Theologe, Publizist und renommierter Autor zahlreicher Bestseller (u.a. „Christ sein für Einsteiger“, „Beten, eine Sehnsucht“, „Sternstunden“). Er war Initiator und Mitautor des 2011 erschienenen Jugendkatechismus „Youcat“. In seinem Buch „Freie Liebe – Über neue Sexualmoral“ (Fontis Verlag 2020), formuliert er Ecksteine für eine wirklich erneuerte Sexualmoral.

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