Plädoyer für eine Sexualmoral, die der Art entgegenkommt, wie Frauen lieben. Schockenhoffs neue Sexualethik betont den Primat der sexuellen Lust. Frauen und ihre speziell „weibliche Seite der Lust“ kommen darin jedoch zu wenig vor.

1. „All you need is …

… love?“ Brauchen wir einfach nur Liebe? Stimmt das wirklich, was die Beatles sangen? Dabei leben wir doch in relativ lieblosen Zeiten, überall hören wir von Trennungen, Scheidungen. Menschen leben als Single, klagen über Einsamkeit. Muss es dann eher heißen, „all you need is … sex“; alles, was wir brauchen, um glücklich zu werden, ist Sex? In der Tat, es gab noch nie so viele sexuelle Freiheiten wie heute; und doch zeigen Befragungen, dass es – trotz Tinder-App, durch die man erfährt, wer in der Nähe gerade auch Lust auf Sex ohne Beziehung hat, – so wenig sexuelle Aktivität gibt, wie noch nie. Was ist da los? Muss es dann doch wieder heißen: „All you need is … marriage and family“? Alles, was wir brauchen, ist Ehe und Familie? Das hört sich spießig an. Passen denn „guter Sex“ und „eine feste Ehe-Beziehung“ – auch noch mit Kindern – überhaupt zusammen? Und wonach sehnen wir uns denn eigentlich, wenn wir uns Sex wünschen? Nach dem Kick, den andere in Drogen suchen? Oder suchen wir „die Liebe“, dass wir lieben und geliebt werden, dass wir unser Leben für jemand anders hin-geben, uns ihm schenken, gemeinsam Lust erleben, Freude und Leid teilen?

Sexualität ist eine geniale Idee Gottes, in der Schönheit, Freude, Lust und neues Leben liegen: Seine Idee war es, dass wir nicht durch asexuelle Teilung ins Leben kommen, sondern dadurch, dass zwei verschiedene, asymmetrische Formen von Mensch-Sein – Mann-Sein und Frau-Sein – zusammen passen: Anatomisch – von der Form her, histologisch – vom Gewebe her, physiologisch – vom Leben der Zellen her können wir Eins-werden, die Bibel nennt das „ein-Fleisch-Werden“. Diese tiefe komplementäre Einheit entsteht durch die Penetration des Penis und die „Circlusion“[1] der Vulva – das Eindringen wird ergänzt durch das Empfangen, und es hat einen tiefen inneren Sinn, die Lebensweitergabe. Auf dem Weg dahin erleben wir ein Feuerwerk an sexueller Lust, eine paradiesische Entgrenzung und seelische Verschmelzung: Während dem Mann ca. 4000 Nervenenden am Penis sein Lusterleben ermöglichen, ist die Lustfähigkeit der Frau durch ca. 8000 Nervenenden innerhalb der Vulva komplexer und damit allerdings auch schwieriger zu erreichen.

Sexuelle Lust ist also einfach etwas ganz Natürliches, oder nicht? Dann braucht es dazu doch gar keine Moral, keine Regeln? Das sagen uns heute auch katholische Moraltheologen wie Stephan Goertz im Anschluss an Regina Ammicht Quinn: Moral und Sexualität hätten niemals wirklich zusammen gepasst, sollten daher besser eine „geordnete Scheidung“ durchlaufen, denn: „mit dieser Entmoralisierung könnte der Blick dafür frei werden, dass es keine natürliche Einheit von Sexualität und Moral gibt, sondern zwei getrennte Bereiche mit Eigenwert.“[2] Es ist aber komplizierter, denn beim Sex spielt nicht nur der Leib, sondern auch unsere Seele – also Herz, Geist, Wille – mit. Denn was genau geschieht beim Sex? Mann und Frau geben sich in der sexuellen Begegnung Geborgenheit, indem sie sich umarmen. Sie „erkennen sich“, wie es in der Bibel heißt, eng vertraut, nackt einander ausgeliefert, indem sie sich in die Augen schauen können – dem „Spiegel unserer Seele“. Wir sind also weder seelenlose Maschinen noch polygame Tiere.

2. Gängige postmoderne Sexual-Moral

Wenn heute sogar katholische Moraltheologen lehren, Sexualität habe nichts mit Moral zu tun, sollte es nicht mit Moral zu tun haben sollte, dann gibt es auch ohne katholische Moral eine Moral. Die heutige, in unserer Gesellschaft allgemein akzeptierte Sexual-Moral wird sehr treffend vom freikirchlichen Pastor Tobias Teichen und seinem jungen Mitautor und Gemeindemitarbeiter Christian Rossmanith in Love Sex God. Der etwas andere Weg (SCM-Verlag 2021) in sechs Normen oder Regeln gefasst: Die Regel Nr. 1 heißt, dass Sex glücklich macht, daher sollte man viel Sex haben, und zwar als „Genuss ohne Reue“. Die Philosophin und Sexualpädagogin Thérèse Hargot konstatiert in Sexuelle Freiheit aufgedeckt (Springer-Verlag 2018), dass aus dem traditionellen „Zwang zur Fortpflanzung“ inzwischen ein „Zwang zum Vergnügen“ geworden sei.

Eine weitere postmoderne moralische Leitlinie, die Regel Nr. 2, heißt, dass Sex Anerkennung vermittelt; man ist cool und gehört dazu. Je öfter man Sex habe, so die 3. Regel, desto besser werde man im Bett. Falsch: denn man kann gar nicht üben für den späteren Traumpartner, da die sexuelle Lust einzigartig ist für jedes Paar! Wenn ein Mann weiß, wie er die eine Partnerin zum Orgasmus führen kann, dann heißt das noch lange nicht, dass das für seine spätere Ehefrau passt. Regel Nr. 4 besagt, dass man Sex genießen müsse, solange man jung ist. Aber, was diese Moral nicht verrät, ist, dass sich dabei unser Charakter verändert. Je öfter man mit jemand anders schläfst, desto weniger beziehungsfähig wird man. Außerdem wird der Sex für uns Frauen sogar, je älter wir werden, umso besser. Allgemein akzeptiert ist 5., dass man sexuelle Lust und Fruchtbarkeit trennen kann – und es sogar sollte, um die sexuelle Lust angstfrei genießen zu können. Darüber hinaus trennt man inzwischen auch Lust und Beziehung (im One-Night-Stand oder im Porno-Konsum) und man spaltet Lust sogar von Gefühlen ab; in der „Freundschaft plus“ z. B. darf man sich gar nicht verlieben. Je mehr wir uns jedoch angewöhnen, Gefühle abzuspalten, desto mehr wird uns unsere Empathie-Fähigkeit verloren gehen, die wir später für unsere Kinder und das Einfühlen in ihre Bedürfnisse brauchen, um ihnen zu helfen, dass sie zu mitfühlenden Menschen werden können.

Die Regel 6 heißt: „Es ist verboten zu verbieten“ – alles wird zu einer Frage des Aushandelns. Wenn man Sex mit beiderseitigem Einverständnis hat, dass z. B. daraus keine Beziehung entstehen soll, dann ist doch alles gut, oder? Jakob Pastötter, Präsident der Deutschen Gesellschaft für sozialwissenschaftliche Sexualforschung, kritisiert die „Verhandlungsmoral“: Wenn man einmal seine Zustimmung gegeben hat, dann habe man keinen Schutz mehr. Ein 15jähriges Mädchen und 5 Jungen wurden auf einem Schulausflug in Frankreich, so berichtet Sexualpädagogin Hargot, bei sexuellen Handlungen erwischt. Wenn das Mädchen zugestimmt hat, war das Gruppensex. Wenn nicht, war es eine Massenvergewaltigung.

Insgesamt ist das oberste Gebot der gesellschaftlich-akzeptierten Sexualmoral heute der „Primat der Lust“. Sex muss nach dem Vorbild des männlichen Sexualverhaltens „folgenloser Sex“ bleiben – ohne Kind, inzwischen immer verbreiteter auch ohne „anstrengende“ Beziehung. Nicht nur Männer, auch viele Frauen ahmen heute dieses „männliche Sexualverhalten“ nach, befreit von ihrer Fruchtbarkeit durch die Pille.

3. Das sexuelle Potenzial von uns Frauen…

… ist es jedoch, Lust zu haben und Leben in uns aufwachsen zu lassen. LUST und LEBEN. Die Frau kann den Mann – evtl. auch das dabei neu entstehende Kind – gastfreundlich aufnehmen, Lust schenken und empfangen, den Mann in sich ruhen lassen: Eins-Werden. Zugleich ist die Frau durch ihre Potenz zur Schwangerschaft verletzlicher – leiblich, aber auch seelisch. Denn Frauen werden von Männern vergewaltigt, nicht (bzw. sehr selten) Männer von Frauen. Daher müssen Frauen von ihrer natürlichen Ausstattung her wählerisch sein: Wer meint es wirklich gut mit mir und verletzt mich nicht? Wer bleibt bei mir, wenn ich schwach und verletzlich bin, wenn ich – evtl. trotz Verhütung – Mutter werde und auf sicheren Rückhalt angewiesen bin?

4. Befreit nicht die Pille zur sexuellen Lust?

Ja, die Pille befreit – zwar nicht zu 100%, aber doch mit hoher Treffsicherheit – von der eigenen Fruchtbarkeit; und doch besteht ein großer Nachteil der Pille darin, so argumentiert die Philosophin und Sexualpädagogin Hargot, dass sie gerade den Lustpegel der Frau senkt. Insgesamt wird durch die Pille der Primat der „sexuellen Lust“ vor der „Freude über Kinder“ manifestiert. Denn die Frau – selbst wenn sie es selbst so will – wird im besten Fall vom Mann geliebt und geachtet, aber immer minus ihrer Fruchtbarkeit.

Für Männer ist es gegenwärtig nach dem Gesetz von Angebot und Nachfrage um vieles leichter, Frauen für unkomplizierten Sex zu gewinnen. Ja, die Pille gibt eine neue Freiheit zur Lust für die Frau. Allerdings wird die Freiheit dadurch erkauft wird, dass die Frau nun „unter permanenter Kontrolle der Hormone“ und damit der Ärzte und der Pharma-Industrie steht. Das Mittel zu ihrer Freiheit zur sexuellen Lust nennt sich „Anti-Baby-Pille“ – Anti-Baby, gegen das Kind. Das Baby wird also hier im Namen dieses Medikaments bereits als Gefahr verstanden, als Bedrohung und Hindernis für mein persönliches Wohlfühlen, alles im Griff zu haben.

Die Pille ist des Weiteren ein „Medikament“ für gesunde Frauen, die sogar so gesund sind, dass sie Kinder bekommen könnten. Zugleich hat die Pille krank-machende Nebenwirkungen, die Frauen klaglos akzeptieren – müssten Männer sie nehmen, sähe das sicher anders aus: Schlaganfälle, Thrombosen, Migräne, usw. Die Französin Marion Larat war durch die Pille mit 19 Jahren plötzlich behindert, wie sie in Die Pille ist bitter (2013) beschreibt. Das Risiko beim Sex trägt immer die Frau: einerseits die gesundheitlichen Folgen der Pille – wenn sie bereit ist, ihre Fruchtbarkeit auszuschalten; andererseits die Schwangerschaft mit den Schmerzen der Geburt – wenn sie mit Leib und Seele lieben und ihre Fruchtbarkeit ausleben möchte. Von beiden Risiken spürt der Mann leiblich nichts; zweiteres – eine potenzielle Geburt – könnte ihm zwar nicht zu Leibe rücken, aber an den Geldbeutel gehen. Er erntet immer nur die Lust beim Sex, trägt jedoch nicht die Last.

5. Der Preis für die sexuelle Lust …

… wird also immer noch einseitig – und ohne großen Widerstand – von der Frau bezahlt. Hinzu kommt, wenn die Frau sich langfristig eine Familie wünscht, die Enttäuschung über die inzwischen „erlernte Bindungslosigkeit“ der jungen Männer, wie die israelische Kultursoziologin Eva Illouz in Warum Liebe endet (Suhrkamp-Verlag 2018) feststellt: bindungsunfähig durch schnell verfügbare Befriedigung durch Pornos und Masturbation, durch One-Night-Stands und serielle Monogamie.

Das heißt, um der Gerechtigkeit willen, muss dieser hohe Preis, den die Frau heute für sexuelle Lust bezahlt, vom Mann gewürdigt werden, indem er ihr die Sicherheit des Ehe-Bundes schenkt. Der Ehe-Bund bedeutet, dass sie sich ihm körperlich mit allen Risiken ganz hingibt, sich fallen lässt, weil er – durch seine öffentliche Entscheidung für sie – seine Freiheit aufgibt; und sie auffängt und mit ihr das neue Leben, das in ihr entsteht.

6. Gibt es eine Alternative zur Befreiung durch die Pille? Ja, natürlich!

Wir achten auf Bio-Fleisch, sind entsetzt über Hormonspuren im Hühnchen, aber pumpen den eigenen Leib voll mit Hormonen? Die Lösung von der Hormon-Versklavung, die der Art, wie wir als Frauen lieben, entgegenkommt, ist die natürliche Methode, so die Philosophin Thérèse Hargot in ihrem Buch Sexuelle Befreiung aufgedeckt (2018), obwohl sie übrigens keine explizite Nähe zur katholischen Kirche und deren Sexualmoral hat. Durch die natürliche symptothermale Empfängnis-Regelung (NER, siehe iner.org – Institut für natürliche Empfängnis-Regelung) gewinnen wir Frauen die Kontrolle zurück, die wir über uns, über unseren Körper und seine Funktionen haben sollten. Dazu müssen wir ihn neu kennen lernen. Da hilft kein Schulwissen, sondern: durch Selbstbeobachtung den eigenen Zyklus kennen- und wert-schätzen lernen, ihn als einen Schatz schützen und hüten, und das bedeutet: nicht jeden „ranlassen“. Die NER-Methode hilft sowohl dem Mann als auch der Frau, Enthaltsamkeit in den fruchtbaren Tagen[3] zu üben; ein Training, das beiden für Zeiten von Krankheiten, nach den Geburten – je nachdem, wie es der Frau danach geht. Durch die natürliche Methode, so berichten viele Paare, werden Mann und Frau achtsamer füreinander; und die sexuelle Beziehung bleibt lebendiger.

7. „Primat der sexuellen Lust“: Was ist mit der „Lust auf Familie und Kinder“?

Natürlich sehnt sich auch jede Frau nach sexueller Lust. Zugleich jedoch hegt sie – selbstverständlich nicht jede Frau – den natürlichen Wunsch nach Kindern, sie hat „Lust auf Familie und Kinder“. Der Primat der sexuellen Lust – so Eva Illouz – macht Frauen, die sich eine Familie wünschen, letztlich zu Verlierern der sexuellen Befreiung: Durch leicht erreichbare sexuelle Lust ohne Folgen haben Männer verständlicherweise weniger „Lust“ auf die anstrengenden Seiten von Familie wie Babygeschrei, dreckige Windeln und eine müde genervte Ehefrau. Heißt das für die sexuelle Lust: Männer kommen immer auf ihre Kosten – Frauen nicht unbedingt…?

Jakob Pastötter weist darauf hin, dass „Sexualität“ letztlich nicht nur „sexuelle Lust“ meint, sondern zunächst das „Frau-Sein“ und das „Mann-Sein“ in ihrer Komplementarität. Es ist Grundlage für jede Beziehung, dass ich mich zunächst in der Entwicklungsphase der Adoleszenz selbst als junge Frau kennen lerne, in gleichgeschlechtlichen nicht-sexuellen Freundschaften konfliktfähig werde und einübe, mit Enttäuschungen umzugehen; auf diese Weise werde ich reif für eine Beziehung zum anderen Geschlecht. Eine junge Frau sucht zunächst nach Zärtlichkeit bei einem jungen Mann, nach Zweisamkeit, Romantik, will vertraut reden und schmusen. Sie ist – solange sie ihren Selbstwert nicht kennt und schätzen kann – der Gefahr ausgesetzt, seinen Wünschen zu leicht nachzugeben, nur um die Beziehung zu erhalten. Sie ist versucht, sich überreden zu lassen zu mehr Intimität, als sie eigentlich geben wollte. Wir müssen die Differenz verstehen, die uns aufgrund der Asymmetrie unserer Körper gegeben ist: dass Männer und Frauen Unterschiedliches wollen, weil sie unterschiedlich konstruiert sind.

8. Männer und Frauen wollen Unterschiedliches

Für den Mann, der nicht leiblich ein Baby in sich tragen wird, und daran nicht monatlich durch die Menstruation erinnert wird, steht die sexuelle Lust an erster Stelle: er möchte die Frau und mit ihr den Raum für seine sexuelle Lust erobern. Für die Frau, die leiblich ein Baby in sich tragen kann, steht an erster Stelle die Beziehung, die sie beim Mann sucht, um einen Geborgenheits-Raum für zukünftige Kinder und Familie zu bauen. Wenn beide lernen, die jeweils andere Perspektive zu verstehen, können beide beides gewinnen: sexuelle Lust und die Geborgenheit der Familie.

9. Eine Moral für eine erfüllende Sexualität…

… braucht keine Verbote, sondern ein vertieftes Verständnis für Prinzipien der Sexualität, und – im kirchlichen Raum – kleine Lebens- und Glaubensgruppen, in denen nicht normativ frontal gelehrt, sondern tugendethisch miteinander und an Vorbildern gelernt wird, wie erfüllendes sexuelles Beziehungs-Leben gelingen kann. Dabei sind Lernfortschritte nicht im Gleichschritt, sondern je nach persönlichem Rhythmus möglich – und werden ausgehalten.

Da unsere sexuelle Lust die Bindungs-Hormone Oxytocin (Frau) und Vasopressin (Mann) freisetzt, unterstützt uns unsere Biologie dabei, eine Einheit als Paar zu werden und die Monogamie zu leben.[4] Oxytocin macht uns veränderungsfähig, so dass wir uns dem Partner anpassen können. Es macht uns aber auch verletzlich. Das erklärt den starken Schmerz, wenn wir uns doch wieder trennen. Wir erleben dann Entzugserscheinungen. Erst am Altar weiß man, dass der andere keinen Rückzieher mehr macht.

Wie weit leben wir aber die Lust in der Freundschaft vor der Ehe? In der Achtung vor dem eigenen Partner und seiner Freiheit, doch noch „nein“ zu mir zu sagen; und in der Achtung vor dem möglichen Ehepartner meines jetzigen Freundes, falls wir uns wieder trennen. Die Ganz-Hingabe an den Partner braucht letztlich die Ganz-Entscheidung am Altar.

10. Fazit für eine Moral, wie sie Frauen und Männern entspricht

Zum Phänomen „sexuelle Lust“ gehört ergänzend das Phänomen „Kind“. Denn sexuelle Lust allein kann uns stolz, selbstherrlich werden lassen, egoistisch zu zweit. „Lust allein“ führt letztlich zu Frust, Einsamkeit, Leere. Die Offenheit für „Kinder“ dagegen, dass also neues Leben durch unsere sexuelle Begegnung wachsen darf, macht demütig und stellt uns in den Dienst an der neuen Generation; an hilflosen Wesen, die uns meistens über 20 Jahre lang in die Verantwortung nehmen und überreich mit Freude beschenken, auf einer anderen Ebene als es die gegenseitige sexuelle Lust vermag.

Im Sex suchen wir nach Geborgenheit, die uns letztlich die neue Familie geben kann, die wir gründen, leiblich durch entspannte sexuelle Lust und seelisch durch die Freude aneinander und an den Kindern. Daher dürfen wir Frauen in die Sexualmoral einbringen: sexuelle Lust macht Lust auf Familie. „Sexuelle Lust“ und „Lust auf neues Leben“ gehören zusammen, damit unsere „Lebenslust“ bis ins hohe Alter erhalten bleibt.

Dr. Beate Beckmann-Zöller

 

Quellen:

[1] Begriff von Bini Adamcazak, siehe Mithu M. Sanyal, Kulturwissenschaftlerin, „Befreit die weibliche Lust!“, in: Philosophie Magazin, 4/2018.

[2] Ammicht Quinn, Regina, „Sexualität und Moral: A Marriage made in Heaven?“, in: Dies. (Hg), “Guter“ Sex: Moral, Moderne und die katholische Kirche“, Paderborn 2013, 196-210.

[3] Die oft angegebenen 3-6 Tage Fruchtbarkeit sind zu knapp gerechnet, wenn es tatsächlich darum geht, in dieser Phase eine Schwangerschaft zu vermeiden. Zwar überleben Samenzellen nur ca. 20 min im sauren Milieu der Scheide. Wenn die Samenzellen jedoch Zervixschleim vorfinden, können sie bis zu 7 Tage auf den Eisprung warten. Auch in der beginnenden Temperaturhochlage der Frau ist noch eine Befruchtung möglich, so dass nach den Regeln der Natürlichen Empfängnisregelung mindestens 3 weitere Tage abgewartet werden muss, wenn das Paar keine Schwangerschaft anstrebt. Am Anfang des Zyklus weiß die Frau nicht sicher, ab welchem Tag die 6-7 Tage fruchtbare Zeit vor dem Eisprung beginnt. Daher können noch ein paar zusätzliche Tage Enthaltsamkeit zu den notwendigen 10-12 hinzukommen. Siehe unter:  www.INER.org

[4] Besonders aufschlussreich ist die Untersuchung von monogamen Prärie-Wühlmäusen und der polygamen Rocky-Mountains-Wühlmaus, wenn man die Hormone der polygamen Maus der monogamen zuführt, zeigt sie ein ähnlich polygames Verhalten: Sex Love God, Teichen, S. 47f. und Originalquelle: T. R. Insel u. L. E. Shapiro: Oxytocin receptor distribution reflects social organization in monogamous and polygamous voles (Wühlmäuse). Proceedings of the National Academy of Sciences (1992). – Weitere Quellen aus Teichen, S. 164f.: Bertsch, K. / Herpertz, S.C.: „Oxytocin – ein prosoziales Hormon: Effekte in und außerhalb des Wochenbetts“, Gynäkologische Endokrinologie 9, no. (Februar 2011), 36-40. –  I. Gordon, O. Zagoory-Sharon, J.F. Leckman, R. Feldman: “Oxytocin and the development of parenting in humans”, Biological Psychiatry 68 : 377-382. “… plasma oxytocin levels are elevated at the time of orgasm in women, and similar plasma AVP concentrations increase during sexual arousal in men”, („der Plasma-Oxytocin-Spiegel ist zum Zeitpunkt des Orgasmus bei Frauen erhöht und die Plasma-AVP-Konzentration steigt während der sexuellen Erregung bei Männern ähnlich an.“ In: L. J. Young, Z. Wang: “The neurobiology of pair bonding”, Nature Neuroscience 7 (2004), 1048-1054, S. 1052. –  M. S. Carmichael et al.: “Plasma oxytocin increases in the human sexual response”, in: J. Clin, Endocrinological Metab. 64, 27-31 (1987), M. R. Murphy, J. R. Seckl, S. Burton, S. A. Checkley, S. A. & L. L. Lightman: “Changes in oxytocin and vasopressin secretion during sexual activity in men”, in: J. Clin, Endocrinol. Metab. 65, 738-741 (1987). – „Die Stimulation des Gebärmutterhalses und der Brustwarzen während der sexuellen Intimität sind starke Freisetzer von Oxytocin im Gehirn und können dazu dienen, die emotionale Bindung zwischen den Partnern zu stärken.“, Dr. Larry J. Young, Direktor des Zentrums für Translationale Soziale Neurowissenschaften, https://www.nature.com/articles/457148a. – MK Loth u. Z. R. Donaldson: Oxytocin, Dopamine, and Opioid Interactions Underlying Pair Bonding: Highlighting a Potential Role for Microglia, Endocrinology (2021), 162, (2), 223. – Übersichtsstudie: P. T. Putnam et al.: „Bridging the gap between rodents and humans. The role of non-human primates in oxytocin research”, American Journmal of Primatology (2018), 80 (10).

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