Die Kirche befindet sich in einer Zeit der Experimente. Während Deutschland mit dem Synodalen Weg operiert, setzt Frankreich auf bewährte Werte und Mission. Peter Winnemöller wirft einen Blick über die Grenze und wagt den Vergleich. Dabei schaut er auf die Wurzeln und die möglichen künftigen Früchte.

Seit zehn Jahren veranstaltet die Kirche in Frankreich ihren Missionskongress. Die Wurzeln dieser Veranstaltung reichen sehr viel weiter zurück. Mission war und ist in Frankreich ein Thema der Kirche, das wachgehalten wurde. Bedeutende Namen wie Kardinal Emmanuel Suhard stehen damit genauso in Verbindung, wie beispielsweise der Dominikaner und Arbeiterpriester Jacques Loew oder Madeleine Delbrêl, die auch als Mystikerin der Straße bezeichnet wird. In der jüngeren Zeit war einer der wesentlichen Impulse ein Hirtenwort der französischen Bischöfe, in dem es um die Frage ging, wie man den Menschen heute den Glauben anbieten könne. Das alles sind keine linearen Entwicklungen, es sind Bausteine. Auch der Missionskongress ist ein Baustein. Dieser „Congrés Mission“ findet als jährliche Veranstaltung unter reger Beteiligung der französischen Bischöfe statt.

„Der Missionskongress“, so die französische Webseite der Veranstaltung, „bringt einmal im Jahr Tausende von Christen zusammen, um über die immer neue Frage nachzudenken: ‚Wie können wir der heutigen Gesellschaft das Evangelium anbieten?‘ Jeder ist eingeladen, an Workshops, Konferenzen, Runden Tischen, täglichen Messen, Konzerten, Shows, einem Dorf von Ständen, Erfrischungsständen teilzunehmen und seinen Glauben zu teilen.“ Wer die Worte „Den Glauben anbieten …“ liest, wird sofort an das Hirtenwort der französischen Bischöfe aus dem Jahr 1996 erinnert. Die Bischöfe lagen mit diesem Gedanken richtig. Seit Jahren hört man von vielen Erwachsenentaufen in Frankreich. Der Aschermittwoch 2025 in Frankreich sorgte für Aufsehen. Nachrichten gingen durch die katholische Welt, dass es in Frankreich einen Ansturm junger Menschen auf die Liturgie des Aschermittwochs gegeben habe. Es ist ein neues Phänomen, dass plötzlich junge Menschen aus völlig säkularem Umfeld in der Kirche auftauchen und sich für den Glauben interessieren.

Frankreich, das ist das laizistische Land schlechthin im Westen unseres Kontinents. Es ist das Land, das in der französischen Revolution die barbusige Marianne als Ausdruck der Vernunft auf die Altäre hob. Frankreich ist das Land mit der schärfsten Trennung zwischen Staat und Kirche. Doch Frankreich ist auch die älteste Tochter der Kirche. Es ist das Land großer Heiliger wie Martin von Tours, Liborius von Le Mans oder Therese von Lisieux. Es ist das Land, in dem in Lourdes die Gottesmutter einem jungen Mädchen erschien und dieser Ort nun Jahr für Jahr Millionen Pilger anzieht. Ein großer Teil des Jakobsweges geht durch das Gebiet von Frankreich. Die abgebrannte Kathedrale Notre Dame de Paris wurde in Rekordzeit wieder aufgebaut. Der Schriftsteller Michel Houellebecq prophezeit seinem Land andererseits literarisch eine Unterwerfung unter den Islam. Frankreich hat Probleme mit Migration, die auch anderen Ländern zeigen könnten, wohin der Weg einer unkontrollierten Migration geht. Politisch steht das Land immer wieder mal nahe am Aufruhr. Es bewegt sich seit Jahren zuweilen am Rande der Unregierbarkeit. Gesellschaftlich ist es im Umbruch, wie der ganze Westen im Umbruch ist. Gesellschaftliche Konflikte um die kulturelle Deutungshoheit reißen nicht ab. Inmitten dieser Gemengelage steht eine tatsächlich arme Kirche, die nicht über Staatsleistungen oder Kirchensteuer verfügt und die keine prestige- und gewinnträchtigen Sozialkonzerne betreibt.

Ausgerechnet in dieser Kirche passiert das völlig Unerwartete. Die betroffenen Gemeinden haben es zu ihrer eigenen Überraschung mit einer nennenswerten Aufbruchsbewegung unter vollkommen säkular aufgewachsenen jungen Menschen zu tun. Es stellt sich die Frage, ob das ein Strohfeuer ist. Realistisch gesehen entzieht sich ein solches Phänomen der kurzfristigen Analyse und es gehören schon etwas mehr Daten dazu, zu einem validen soziologischen Ergebnis zu kommen, was da gerade passiert. Fakt aber ist, dass das Phänomen jetzt aktuell existiert und durchaus zum Nachdenken anregen kann.

Blende nach Deutschland

In einer anderen und doch sehr ähnlichen Weise ist auch in Deutschland die Kirche in einer tiefen Krise. Analysen dazu gibt es satt und reichlich. Das muss an dieser Stelle nicht in allen Einzelheiten beschrieben werden. Eine demoskopische Untersuchung, die Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung, diagnostizierte erst jüngst der Gesellschaft stark verkürzt einen unheilbaren Unglauben. Etwas ernsthafter betrachtet, wird ein ungeklärtes und umstrittenes Phänomen beschrieben, das gerade zu einer Debatte führt, ob der Mensch nun unheilbar religiös sei oder ob der nachhaltige Säkularismus den Menschen von der Religion befreien kann und befreien wird.

Frankreich scheint gerade einen Gegenentwurf zu liefern, der in der Frage gipfeln muss: Können zehn Jahre Missionskongress der Kirche in einer ganzen Region, hier Frankreich, wirklich völlig wirkungslos bleiben? Wie kommt man (als gläubiger Mensch) auf die Idee, zehn Jahre in der Gemeinschaft der ganzen Kirche einer Region, samt zahlreichen Priestern und Bischöfen über Mission nachzudenken, bliebe ohne Folgen? Was geschieht in Frankreich? Tausende Katholiken, darunter zahlreiche Priester und Bischöfe, kommen einmal im Jahr zusammen und tragen vor, was sie tun, wie sie beten, welche Katechesen sie geben. Sie denken gemeinsam darüber nach, welche Konzepte für die Mission fruchtbar sein könnten. Was können wir tun, um Menschen für den Glauben anzusprechen? Aber auch: Wie stärken wir unsere eigene Gemeinschaft? Beichte, hl. Messe, Rosenkranz und eucharistische Anbetung sind dabei nicht etwa Relikte der Vergangenheit. Diese Formen gehören, gemeinsam mit Lobpreis und geistlichen Vorträgen, nicht in die Vergangenheit. Das alles ist Spiritualität mit Zukunft. Wo man in Deutschland auf dem Synodalen Weg versuchte, den Glauben, die Lehr- und Gebetstradition der Kirche sowie deren Sakramentalität in einer Folge revolutionärer Veranstaltungen von Grund auf zu dekonstruieren, ging man in Frankreich einen anderen Weg, den Weg der Mission. Es kann nicht entschieden werden, ob in Frankreich schon die Wende hin zu einer größeren Bekehrungswelle gelungen ist. Das Signal jedoch ist eindeutig: Wer sich auf den Weg macht und den Menschen den Glauben anbietet, der bekommt eine Antwort.


Peter Winnemöller
Journalist und Publizist. Autor für zahlreiche katholische Medien. Kolumnist auf dem Portal kath.net. Im Internet aktiv seit 1994. Eigener Weblog seit 2005. War einige Jahre Onlineredakteur bei „Die Tagespost“. Und ist allem digitalen Engagement zum Trotz ein Büchernarr geblieben.


Beitragsbild: Adobe Stock

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