Das Ave Maria des Engels markiert ein kosmisches Ereignis und die Mitte der Zeit. Ein Dorfgeraune in Nazareth, von dem Markus als erster berichtet, wird zur Echokammer der Menschheitsgeschichte. Die Spanne kann nicht größer sein. Das Ave Maria schreibt Musikgeschichte. Die jahrmillionenalte Infrastruktur des Biologischen muss herhalten, damit der Schöpfer der Welt eine Gestalt derselben annehmen kann. Mit diesen und weiteren Verfremdungsszenarien will Helmut Müller die große Dimension des Hochfestes “Maria Verkündigung” bzw. “Verkündigung des Herrn” verdeutlichen, das wir am 25. März begehen.
Der Abstieg Gottes in die Keimbahn der Menschheit
Wie wurde also über dieses kosmische Ereignis in einem galiläischen Dorfhorizont geredet? Und dazu noch in Nazareth, einem Ort, aus dem nichts Gutes kommen könne (Joh, 1,46), gut 30 Jahre später?
„Ist das nicht der Zimmermann, der Sohn der Maria und Bruder des Jakobus und Joses und Judas und Simon? Und sind nicht seine Schwestern hier bei uns? Und sie stießen sich an ihm.“ (Mk,6,3).
So wird im ältesten Evangelium über das rätselhafte Ereignis gesprochen, das nicht wie ein Meteor vom Himmel fiel, sondern unerkennbar in der Keimbahn der Menschheit seinen Anfang nahm. Die transkosmische Invasion in den Alltag der jüdisch/hellenistisch geprägten Welt in einer Grenzprovinz des Imperium Romanum blieb rätselhaft. Ein Hauch von Skandal schimmerte damals durch: Er wird Sohn einer Frau und nicht Sohn eines Mannes genannt. Und das in einer patriarchalen Gesellschaft! Ist der Vater vielleicht nicht bekannt? Und noch schlimmer: Die junge Frau war gar nicht verheiratet!
„Die Kraft des Höchsten wird dich überschatten“
Mt 13,55 löst zehn bis zwanzig Jahre später das Skandalöse auf und macht überaus galant aus dem Zimmermann „des Zimmermanns Sohn“:
„Ist er nicht eines Zimmermanns Sohn? Heißt nicht seine Mutter Maria? Und seine Brüder Jakob und Joses und Simon und Judas? Und seine Schwestern, sind sie nicht alle bei uns? Woher kommt ihm denn das alles?“
Man stieß sich bei Mt nicht mehr an ihm, aber verwundert war man schon noch.
Die Parallelstelle bei Lk 4,22 ist noch geschmeidiger. Im Gegensatz zu den beiden vorgängigen Zeugnisse haben wir es hier mit einer glänzenden hellenistischen Bildung des Autors zu tun:
„Und sie gaben alle Zeugnis von ihm und wunderten sich der holdseligen Worte, die aus seinem Munde gingen, und sprachen: ‚Ist das nicht Josephs Sohn?'“
Aber Lukas konnte sich diese Geschmeidigkeit erlauben, denn er hatte in seinem Evangelium schon davor das bei Markus Skandalöse immerhin durch den Gruß eines Engels ersetzt und zurechtgerückt:
„Sei gegrüßt, du Begnadete, der Herr ist mit dir“.
Und es wird unmissverständlich klar, dass nicht Josef der Vater Jesu sei, sondern
„die Kraft des Höchsten wird dich überschatten; darum wird auch das Heilige, das geboren wird, Gottes Sohn genannt werden“ (Lk 1,35).
„Das Wort ist Fleisch geworden“ – Geist in Welt (Karl Rahner)
Noch größeres Kino finden wir beim Evangelisten Johannes. Jahrzehnte später wird er mit dem Prolog seines Evangeliums dem heilsgeschichtlichen Ereignis mit einer sehr gescheiten Theologie, ja sogar Philosophie, gerecht. Ich verdichte das Ereignis mit seinen Worten:
„Und das Wort ist Fleisch geworden”
und noch einmal radikal abstrahiert: Geist ist Materie geworden. Karl Rahner hat dies in seinem Werk Geist in Welt bahnbrechend beschrieben.
Jedenfalls begann mit „Sei gegrüßt, du Begnadete, der Herr ist mit dir“, etwas wahrhaft Unbegreifliches: Der Abstieg Gottes in die Keimbahn der Menschheit! Das kann man wohl maximal invasiv nennen: Der Herr der Welt, der Inbegriff der Unendlichkeit schlechthin, will eindringen in SEINE, unsere endliche Welt. Mit Blaise Pascal (1623 – 1662) gesprochen: Im Vergleich zu seiner wahren Größe, will er die Seinsweise eines „denkenden Schilfrohrs“ annehmen. Dagegen ist unser Anfang mit einem biologischen Vater tatsächlich bloß minimal invasiv. Aber das Erlebnis dieses unseres Anfangs, oder wenn wir selbst schon durch unsere Kinder solche Anfänge gesetzt haben, ist emotional ergreifend, um nicht zu sagen ekstatisch. Dagegen kann der Abstieg Gottes in die Keimbahn der Menschheit nur künstlerisch, liturgisch, jedenfalls alles Begreifen überwältigend, dargestellt werden.
Die Ankündigung des Heils in einer unheilen Welt
Selbst eindrückliche Erlebnisse können das, was mit dem Gruß des Engels begann, nicht adäquat zum Ausdruck bringen. Für mich war ein solches Erlebnis das “Ave Maria” bei einer Soldatenwallfahrt nach Lourdes im Jahre 1973, gesungen von 20.000 Soldaten. Erschütternd für mich als junger Mensch war, dass gleichalte, junge Männer dabei waren mit fehlenden Gliedmaßen, die sie in dem damals noch aktuellen portugiesischen Kolonialkrieg verloren hatten. Angesichts dieser realen Nöte der Welt und der Ankündigung des Engels in seinem Gruß “Ave Maria”, aus 20.000 Kehlen gesungen, – der mit diesem Gruß ankündigte, dass all diese Nöte einmal ein Ende haben werden -, da versagt unser Begreifen.
Für dieses geschichtliche Ereignis, das mit dem Gruß des Engels angekündigt wird, gibt es keine humanwissenschaftliche Erklärung und auch historisch-kritische Narrative sind nicht wirklich befriedigend. Aber auch da kommt uns Blaise Pascal, der große Gegenspieler seines rationalistischen Zeitgenossen René Descartes‘ (1596 – 1650) zu Hilfe: le cœur a ses raisons que la raison ne connaît point. (Das Herz hat seine Gründe, welche die Vernunft nicht kennt.) Die liturgische Dichte in der Unterkirche und in der Hoffnung im Ave auf ein Heil, selbst in greifbarer Nähe mit dem Unheil, hat wohl auch Menschen beeindruckt, die an die dogmatische Fassung dieses Glaubensbekenntnisses gar nicht glauben. Das Gespräch mit einem Unteroffizier, der nur wegen einer lockenden Dienstfreiheit dabei war, bestätigte in mir diesen Eindruck.
Ereignis, statt bloß Erzählcharakter
Der rationale Denkansatz Descartes‘ hat es im Gegensatz zu seinem Zeitgenossen Pascal verunmöglicht, dem Geschehen einen tatsächlichen Ereignischarakter zu geben. Es ist bei manchem theologischen Denkansatz im Fahrwasser von Descartes nur bei einem bloßen Erzählcharakter geblieben. Ohnehin hat Descartes die ganze Neuzeit in ein Denkgefängnis gesperrt. Kant hat, nachdem ihn David Hume aus seinem dogmatischen Schlummer geweckt hat, dasselbe nur akribisch nach allen Ecken hin ausgeleuchtet und sich auch um den „Lichteinfall“ in diesen Kerker gekümmert. In seiner Nachfolge wurde es nicht besser. Der große Hegel ist bloß ein Freigänger gewesen, der trotz aller Dynamik seines Denkens in der Denkspur seiner Vorgänger – der Vernunft – geblieben ist und dieselbe nur in Zeit und Geschichte ausgeleuchtet hat.
Schelling erst hat das cartesische Denkgefängnis nicht bloß als Freigänger verlassen, sondern ihm ist bei der Beschäftigung mit der christlichen Offenbarung aufgegangen, dass es um ein wahrhaft Unvor-DENK-liches gehen muss, dass es um Ereignisse, nicht bloß Denkfiguren geht, die im Fall der Menschwerdung Gottes sogar Zeit und Geschichte sprengen müssen. Genau so ein Ereignis hat in dem genannten galiläischen Dorfgeraune seinen ersten Widerhall gefunden: Das lässt den Prolog des Johannesevangeliums noch einmal in neuem Licht erscheinen: Das Unvordenkliche ist Ereignis, ist Fleisch geworden und hat in Zeit und Geschichte unter uns gewohnt.
Der Weg des Heils aus dem Mutterschoß in die Welt hinein
Der Mensch gewordene Gott hat zwar nicht lange unter uns und mit uns gewohnt, aber seine Menschwerdung hat wie unser Menschsein eine jahrmillionenalte biologische Infrastruktur bemüht, allerdings nicht wie wir, nur über funktionale biologische Akteure und asymmetrische Geschlechtskombinationen, deren letzte unsere Väter und Mütter gewesen sind. Nein, seine Menschwerdung geschah durch einen einmaligen Einbruch in die Geschlechterasymmetrien. Er hat in der Kraft des Höchsten einen Mutterschoß – wie wir – als ersten Ort in dieser Welt bewohnt und von da aus für uns den Weg des Heils in eine Welt des Unheils gebahnt.
Den Weg des Heils literarisch und cineastisch in die Welt gebahnt
C.S. Lewis und J. R. R. Tolkien haben als gläubige Christen dieses Geschehen als kosmisches Ereignis begriffen und als geniale Schriftsteller – ihrem Charisma gemäß – einen Märchenhorizont gewählt, um die Menschwerdung Gottes und die daraufhin beginnenden dramatischen Ereignisse der Erlösung von allem Unheil in einem weltgeschichtlichen, ja kosmischen Ausmaß darzustellen. Buch- und Filmerfolge, wie die Chroniken von Narnia und der Herr der Ringe waren grandios, blieben aber im Wesentlichen selbstreferentiell den Medien Roman und Film verhaftet. Nur Kenner der Materie erkannten noch die eigentliche Intention. Kenner sollten natürlich ihr Wissen nicht für sich behalten und die – zwar märchenhafte – Wahl des weltgeschichtlichen und kosmischen Hintergrunds ausnutzen, um wirklich deutlich zu machen, was es bedeutet, wenn Gott sich entschieden hat, Zeit, Raum und Gestalt mit uns vom Schwangerschaftstest bis zum Ende der Hirnaktionsströme zu teilen.
Fassen wir zusammen: Gottes Setting in dieser Welt war eine Verortung
- zwischen Urknall und Zerfall
- eine Inanspruchnahme der jahrmillionenlangen biologischen Infrastruktur asymmetrischer Zweigeschlechtlichkeit im Prozess des Lebendigen
- ein wahrhaftiges Ereignis, nicht bloß Erzählfigur, sondern Unvordenkliches
- eine Hinneinnahme in die Wirren menschlicher Geschichtlichkeit und
- eine konkrete Individualisierung zwischen Schwangerschaftstest und dem Ende von Hirnaktionsströmen.
Das “Ave Maria” markiert diesen Einbruch in die Geschöpflichkeit der Welt.
Dr. phil. Helmut Müller
Philosoph und Theologe, akademischer Direktor am Institut für Katholische Theologie der Universität Koblenz. Autor u.a. des Buches „Hineingenommen in die Liebe“, FE-Medien Verlag. Helmut Müller ist Mitautor des Buches „Urworte des Evangeliums“.
Beitragsbild: Fra Angelico, Verkündigung Mariä, Fresko im Nord-Korridor von San Marco, Florenz, Quelle, Wikipedia, gemeinfrei

