Man spricht im Zusammenhang von Kirche und Missbrauch gerne von einer „Täterorganisation“, aber nicht über die Schuld der einzelnen Person. Die Rede vom „Systemischen“ am Missbrauch entlastet perfide die wahren Täter und belastet stattdessen die Institution, die reifgeschossen werden soll, damit andere sie übernehmen können. Ziemlich durchschaubar, findet Bernhard Meuser

Über das Systemische am Missbrauch

Am 20. Januar 2022 veröffentlichte die Anwaltskanzlei Westpfahl/Spilker/Wastl das Gutachten zum Umgang der Münchner Erzdiözese mit dem Missbrauch „durch Kleriker und hauptamtlich Bedienstete“ im Zeitraum von 1945 – 2022. Kardinal Reinhard Marx, der Dienstherr, glänzte durch Abwesenheit, während die internationale Presse zur Genüge mit der falschen Fährte beschäftigt wurde, der vormalige Erzbischof und spätere Papst Benedikt XVI. habe gelogen und Missbrauch vertuscht. Als sich der Kardinal, dem das Gutachten schuldhaftes Verhalten attestierte, eine Woche danach äußerte, ging er auf die gegen ihn erhobenen Vorwürfe nicht konkret ein; stattdessen setzte er einmal mehr auf eine weitläufige Argumentationsfigur: „Wer jetzt noch systemische Ursachen leugnet und einer notwendigen Reform der Kirche in Haltungen und Strukturen entgegentritt, hat die Herausforderung nicht verstanden“. Warum taucht der Terminus „systemisch“ immer dann auf, wenn Gutachten mit expliziten Namen von Tätern und ihren amtlichen Beschützern auftauchen? Und warum geht es in nahezu jedem Dokument des Synodalen Weges um die „systemische“ aber nie um die persönliche Dimension von Schuld?

Alles systemisch!

„Systemisch“ ist eine Ableitung von „System“, worunter man eine Gesamtheit von aufeinander bezogenen oder miteinander verbundenen Elementen versteht. „Systemisch“ ist nicht identisch mit „systematisch“ (= methodisch, planvoll, planmäßig). „Systemisch“ bedeutet: mit einer gewissen strukturellen Logik. Wäre der Missbrauch „systematisch“, so hätte die Katholische Kirche methodisch planvoll Kinder und Jugendliche missbraucht. Man hängt es eine Stufe tiefer, spricht von „systemischen“ Faktoren und äußert die gute Absicht, sich mit den „spezifischen Risiko- und Strukturmerkmalen“ zu befassen, „die sexuellen Missbrauch Minderjähriger begünstigen oder dessen Prävention erschweren“(MHG-Studie Version 13.08.2019, Zusammenfassung S. 12. )

Das wäre wichtig genug, würde man mit diesem Terminus nicht ein Unschärfefeld eröffnen, indem ausgerechnet die konkrete Tat, der konkrete Täter, seine konkreten Begünstiger und das konkrete Opfer verschwinden. Ohne weitere Debatte weiß man etwa auf dem Synodalen Weg, dass der Missbrauch nicht wirklich etwas mit einem typischen Täterprofil zu tun hat. Dogmatisch deklariert wird, es handle sich dabei um die Resultante subtiler kirchlicher Machtausübung.

Ein Wettbewerb der Selbstanklage

Und schon hat man durch Ausblendung von Wirklichkeit die theoretische Flughöhe erreicht, auf der man sich mit kirchlicher Macht überhaupt und nicht mehr mit dem Griff an die Ministrantenhose befassen muss. Bald grübelt ein junger Hirte, ob Missbrauch vielleicht in der „DNA der Kirche“ zu verankern sei; ein anderer Bischof, der gern seine wenig rühmliche Rolle beim Umgang mit klerikalen Missbrauchstätern kaschiert, verstieg sich sogar zur These „Die Kirche ist eine Täterorganisation.“ Ganze Jugend- und Frauenverbände kriegen sich nicht mehr ein vor lauter Kirchenschelte, so dass es nicht verwunderlich ist, dass diese Kirche plötzlich als abscheuliches totalitäres System erscheint, das nur noch Opfer produziert, – zum Beispiel den „homosexuellen Mensch“ an sich oder „alle Frauen“.

Angesichts der forcierten Selbstanklagen bildet sich in der Öffentlichkeit die Meinung, die Kirche als Ganze sei eine einzige Monstrosität; hinter dem Missbrauch stecke System und nicht etwa klar identifizierbare Schuld und Verantwortung von Einzelnen, und man könne dieser inhumanen Terrororganisation nicht schnell genug den Garaus machen.

Wer ist schuld?

Wer ist nun also schuld? Die „systemische“ Antwort lautet: keiner. Keine konkrete Person. Kein Täter, kein Bischof, kein Generalvikar, kein Personalchef, kein Regens. „Die Kirche“ ist schuld. Das System ist schuld. Die Gewalt ist schuld. Die Struktur ist schuld. Der Klerikalismus ist schuld. Die fehlende Demokratie in der Kirche ist schuld. Die geballte Männermacht ist sowieso immer schuld. Die Überhöhung des Priesterbildes ist schuld. Die Schuld ist schuld. Die Sexualmoral ist schuld. Die Homophobie ist schuld. Womit wir – nebenbei gesagt – der Sache schon näherkommen. Hätten sich die Täter und ihre Komplizen an ihre Sexualmoral der Kirche gehalten, die Knabenschändung seit 2000 Jahren für eine Todsünde hält, hätte es Missbrauch nicht in bekanntem Umfang gegeben. Die Behauptung, dass ausgerechnet Homophobie männliche Übergriffe auf heranwachsende Jungen begünstigt haben soll, fällt ohnehin unter die Kategorie Treppenwitz.

Nach dem Strafgesetzbuch ist ein Täter derjenige, „der eine Straftat selbst begeht.“ Es gibt keine kumulierte allgemein-anonyme Täterschaft, es sei denn in Form einer Bande oder einer kriminellen Vereinigung. Nun wird kein vernünftiger Mensch außer dem Kirchenkritiker Karlheinz Deschner die Katholische Kirche als Ganze für eine kriminelle Vereinigung halten, auch wenn es in ihr alle Sorten von Heiligen und Verbrechern gibt. Wäre die Kirche als Ganze am Missbrauch schuld, so wären am Ende noch die Opfer sexueller Gewalt schuld an ihrem eigenen Missbrauch.

Es gibt freilich Beihilfe zu kriminellen Taten und den alten Juristenwitz, den man ganz gut auf die organisierte Vertuschung in der Katholischen Kirche anwenden kann: „Wie nennt man die Person, die bei der Ausführung der Tat hilft? Komplize. Und wie heißt die Person, die nach der Ausführung hilft? Anwalt. Aber wo ist der Unterschied zwischen den beiden? Der Anwalt darf seinen Anteil behalten.“ Das Drama der Kirche besteht darin, dass man in bestimmten Fällen das Wort „Anwalt“ durch das Wort „Bischof“ ersetzen kann. Den Anteil, den er unter allen Umständen behalten möchte, ist sein Amt.

Man sieht schon deutlicher, warum sich das Riesenrad des Synodalen Weges keineswegs um die realen Täter und die realen Opfer des sexuellen Missbrauchs dreht: Der gewaltige Ballyhoo mit der Zauberformel „systemisch“ bewirkt, dass sich Missbrauch in Luft auflöst. Es gibt ihn nur noch als abstrakten Beweis für die böse Kirche. Die Formel „Systemisch“ hat jedenfalls selbst System. Es entlastet die Belasteten. Und es belastet die Institution, die reifgeschossen werden soll, damit andere sie übernehmen können.

Ist das der Schlüssel?

Um die Funktionsweise der systemischen Nebelmaschine besser zu begreifen, muss man die Motivlage der Beteiligten anschauen, die sich in einer seltsamen Allianz eingefunden haben: die Bischöfe und das „Zentralkomitee der deutschen Katholiken“. Auf beiden Seiten gibt es gute Gründe, der „bösen Kirche“ die Schuld in die Schuhe zu schieben.

Bischöfe fallen nicht vom Himmel; sie waren in aller Regel, bevor sie Bischöfe wurden, tief eingebunden in die Routinen und administrativen Strukturen ihrer Bistümer – und sie wussten um die dunklen Ecke, die nicht aufgehellt und die problematischen Mitbrüder, die nicht bloßgestellt werden durften. Die Offenlegung der Szenerie hätte auch bedeutet, das peinlichste Internum der Katholischen Kirche ins Licht der Öffentlichkeit zu heben. Die Tatsache, dass es in etwa 80 % der Fälle um gleichgeschlechtlichen Sex mit minderjährigen Jungen handelt, wirft ein Schlaglicht auf die Tatsache, dass eine (wohl größer gewordene) Anzahl von Priestern homosexuelle Neigungen hat. Das wäre so lange nicht der Rede wert, solange diese Priester Gott und den Menschen hingebungsvoll dienen und sich (wie im Übrigen auch ihre heterosexuell geneigten Kollegen) nichts zuschulden kommen lassen.

Da Missbrauch in der Katholischen Kirche aber die Normalverteilung von Übergriffen in der Gesellschaft statistisch auf den Kopf stellt (dort stellen heterosexuelle Übergriffe auf junge Mädchen und Frauen die statistische Mehrheit), muss dringend untersucht werden, ob es eine Relation zwischen Homosexualität im Priesteramt und erhöhter Missbrauchsneigung gibt. Das hat nichts mit Homophobie, sehr viel aber mit Opferschutz zu tun. Bischöfe und andere kirchliche Verantwortungsträger, die an diesem Punkt auf das „Systemische“ ausweichen, katapultieren sich à la longue erst recht ins Licht. Jeder wird fragen: Was haben sie zu verbergen? Manch einer wird sich fragen, ob es am Ende nicht auch in Deutschland unter dem höheren Klerus die homosexuellen Seilschaften, Lobbys und Schutzgemeinschaften gibt, von denen Papst Franziskus spricht und die auch Kardinal Maradiaga bestätigt? Man möchte hoffen, dass es nur falsche Scham und nicht echte Korruption ist, die einer wirklichen Bereinigung der Missbrauchskrise im Weg steht. Und als ob es damit noch nicht genug wäre der klerikalen Sünden: Der Skandal asymmetrischer Übergriffe auf Seminaristen von St. Pölten 2004 bis heute, ist eine genauso schändlich weggedrückte Realität wie das, was mancherorts in der Kirche mit sexuell ausgebeuteten Frauen und Ordensfrauen passiert. Auch hier gibt es Täter und Verantwortliche in Amt und Würden, die seltsam ungreifbar bleiben im euphemistischen Geschwätz von der allgemeinen Kirchenreform.

Organisierte Verdrängung

Was die Gründe für die Beteiligung des Zentralkomitees der deutschen Katholiken betrifft, so muss man nicht lange raten. Die dort erwünschte Wende in die Moderne gruppiert sich um das „Gottesgeschenk der Autonomie“ (Bischof Overbeck); und das erklärt an vielen Punkten den Bruch mit der Hermeneutik der Kontinuität. Man möchte sein Ding leben – ohne Risiko von frommen Einsprüchen. Was Kirche zu sein hat, möchte man basisdemokratisch ermitteln, nicht vom Evangelium her aufgebrummt bekommen. Ein Lehramt ist darin systemisch nicht recht unterzubringen und auch keine männliche Priesterkaste von Gottes Gnaden. Der Missbrauch und das klerikale Allzeit-Formtief bieten die willkommene Flanke für den Angriff auf die sakramental-hierarchische Struktur der Kirche.

Weil man in der Breite schon lange nicht mehr lebt und lehrt, was die Kirche sagt, baut man an einer Kirche der Zukunft, die nichts mehr sagt – und prügelt auf eine Kirche ein, die noch etwas zu sagen wagt, als sei sie die Inkarnation der Diskriminierung. „Out in Church“ organisiert öffentliches Mitleid, baut auf das Allzeithoch der diversen sexuellen Selbstverwirklichungen und bringt das moraltheologische Zirkuskunststück fertig, Homosexualität im gleichen Moment zu umarmen, in dem homosexueller Missbrauch das Ansehen der Kirche zerstört. Damit homosexuelle Praxis kirchlichen Segen bekommt, soll jetzt der jahrtausendealte Zusammenhang zwischen Monotheismus und Monogamie fallen und Sex zu vielen Gelegenheiten moralische Würdigung erfahren.

Ohne Zweifel gibt es eine Systemlogik in der Kirche. Sie besteht in der organisierten Gewalt der Verdrängung, mit der man die Sozialgestalt des tönernen Riesen erhalten möchte – all die wichtigen Lehrstühle, ungezählten Jobs und schönen Ämter finanziert durch Kirchensteuer. Die Logik einer selbstreferentiellen Kirche sagt: Ich will nicht gehen. Dafür exhumiert man lieber für nachträgliche Schauprozesse Leichen, die man schadlos verurteilen kann, um selber als Aufklärer und Reformer schön dazustehen.

Missbrauchsbewältigung ohne Synodalen Weg?

Glaubwürdige Reform an Haupt und Gliedern tut bitter not. Sie wird so tiefgreifend sein müssen, dass man das Evangelium in die Hand nimmt. Und sie wird so folgenreich sein, dass es die Pappkulisse der Potemkin’schen Kirche zerhagelt und Lehrstühle, Jobs und Ämter kostet.

Drei Folgerungen sind daraus zu ziehen.

1. „Missbrauch“ muss dort bekämpft werden, wo er entsteht. Es geht um Leitungsversagen kirchlicher Verantwortungsträger, nicht um eine falsche Kirche, an deren Performance mehr oder weniger alle beteiligt sind.

2. Die Lösung, „Missbrauch“ an den Synodalen Weg zu delegieren, hat sich als fatal erwiesen. Konkreter Missbrauch an Jungen im heranwachsenden Alter, aber auch an Kindern und Frauen wird dazu benutzt, einen allgemeinen, unspezifischen Machtdiskurs in der Kirche zu führen. „Opfer“ und „Betroffene“ jeder Art können sich in Szene setzen, um ihre identitätspolitischen Ziele durchzusetzen. Das ist eine entwürdigende Instrumentalisierung der realen Opfer; es führte zur Verschleierung von Verantwortung und behinderte die reale Aufarbeitung.

3. Das Thema darf nicht in narzisstischer Betroffenheitsrhetorik versinken. Bis dato ist kein Verantwortungsträger, der seine Aufsichtspflicht verletzte, aus dem Amt geschieden. Auch Bischöfe sollten wissen: Keiner kann Richter in eigener Sache sein. Ein Gremium mit Expertise und objektiver Autorität zu finden, das selbst nicht wieder in einen Interessenkonflikt verwickelt ist, und sich demütig diesem Gremium zu stellen, wird die große Aufgabe der nächsten Jahre sein.

Zuletzt ist die Weigerung, wirklich aufzuräumen, und der Versuch, stattdessen das Bild einer in sich „bösen Kirche“ zu etablieren eine doppelte Auto-Immunisierung – eine gegenüber der Wirklichkeit, und eine gegenüber der wirklichsten Wirklichkeit: Gott. Nichts blamiert eine Kirche tiefer als jene jämmerlichen Strategien der Selbsterhaltung, die den Menschen nur eines sagen: Die glauben selber nicht, was sie glauben.


Bernhard Meuser
Jahrgang 1953, ist Theologe, Publizist und renommierter Autor zahlreicher Bestseller (u.a. „Christ sein für Einsteiger“, „Beten, eine Sehnsucht“, „Sternstunden“). Er war Initiator und Mitautor des 2011 erschienenen Jugendkatechismus „Youcat“. In seinem Buch „Freie Liebe – Über neue Sexualmoral“ (Fontis Verlag 2020), formuliert er Ecksteine für eine wirklich erneuerte Sexualmoral.

Dieser Beitrag erschien erstmalig in Die Tagespost

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