Pfarrer Peter van Briel hielt zwei Predigten anlässlich der Wallfahrt der Initiative «Neuer Anfang»
zu den Apostelgräbern in Rom vom 4. bis zum 8. Januar 2022. Im folgenden im Wortlaut dokumentiert.

Auf, nach Rom, auf, zu den Quellen!

Liebe Schwestern und Brüder,

ich freue mich, mit Ihnen in dieser Messfeier nun die Wallfahrt zu den Apostelgräbern zu beginnen. Die Initiative «Neuer Anfang» hat den Anspruch, Anfang zu sein – und macht sich nun auf den Weg zu den Anfängen unseres Glaubens hier in Rom. Das ist ein schönes Zeichen – und doch auch missverständlich.

Zurück zu den Quellen?

Missverständlich ist allerdings schon die Rede von Gott als Anfang; zumindest in den Ohren heutiger Zeitgenossen. Sie verbinden mit Gott vor allem den Schöpfer von Allem – und glauben, dass dieser Schöpfungsakt einmalig «ganz am Anfang» geschehen ist. So wird auch die Beschreibung Gottes als die allererste Ursache und als «unbewegten Beweger» verstanden: Ganz am Anfang muss etwas gewesen sein, das zwar alles in Bewegung setzte, aber selbst nicht bewegt wurde; etwas, das die Ursache von allem ist, aber selbst nicht verursacht wurde. Das – so stellte schon der Philosoph Aristoteles fest – nennen wir Gott.

So klingt eine Wallfahrt, die sich auf zu den Anfängen der Kirche macht, und selbst ein Anfang sein möchte, sehr rückwärtsgewandt. So, als wenn wir zu den Quellen unseres Glaubens weit zurück in die Vergangenheit reisen müssten. «Ad fontes!» [Auf, zu den Quellen!] ist der Aufruf der frühen Humanisten der Neuzeit, der alle spätere Entwicklung als Trübung des reinen Wassers diskreditiert und eine Reise zu den unverfälschten Quellen in längst vergangenen Tagen fordert.

Dieses Missverständnis wird manchmal all denjenigen zum Vorwurf gemacht, die es wagen, heutige Entwicklungen in Kirche und Gesellschaft zu hinterfragen und zu kritisieren. Ihnen wird unterstellt, retro zu sein, das Rad der Geschichte zurückdrehen zu wollen und vergangenheitsverliebt zu sein. Deshalb frage ich: Wollen wir mit unserer Wallfahrt das sagen: Wir müssen zurück? Rückwärtsgewandt zu einer neuen Kirche, die aber im Grunde nur die alte Erscheinungsform kirchlichen Lebens wiederherstellen oder gar konservieren will?

Gott ist lebendiger Anfang

Nein, das wollen wir nicht, und das ist nicht nur eine bloße Absichtserklärung, sondern in unserem Gottesbild begründet. Gott ist nämlich nicht der unbewegte Beweger, der einmal alles angestoßen hat und nun Däumchen drehend zuschaut. Gott ist jeder Gegenwart gleich nahe. Um IHM nahe zu sein, müssen wir nicht eine unendliche Reise in die Vergangenheit auf uns nehmen.

Der unbewegte Beweger und die „un-verursachte“ Ursache als Gottesbeschreibung ist allerdings nicht einfach falsch – immerhin hat ja auch schon der Heilige Thomas von Aquin den philosophischen Gedanken des Aristoteles in seine Theologie aufgenommen. Er wird nur falsch gedeutet. Denn Gott ist nicht der Anfang wie ein Billard-Spieler, der eine erste Kugel anstößt und dann tatenlos der Kettenreaktion zuschaut, sondern eher wie der Anfang im Netz der Stromerzeuger: Da hängt auch alles vom Kraftwerk ab, an das sich eine lange Kette von Schaltungen, Netzen, Umspannwerken und Elektrogeräten anschließt. Aber alles hängt davon ab, dass das Kraftwerk bleibend am Werk ist. Wenn der Anfang seine Arbeit einstellt, dann liegt augenblicklich alles im Dunkel – dann bleibt der Strom gleichzeitig überall aus.

Gott ist in diesem Sinne der Anfang. Kein Anfang aus längst vergangenen Zeiten, sondern lebendiger Grund, auf dem wir stehen. Er ist immer am Werk – sonst wäre uns in dieser Welt schon längst das Licht ausgegangen.

An den Gräbern der Apostel

Wenn wir uns also hier an den Gräbern der Apostel zum Gebet versammeln, dann reisen wir nicht zurück in die Zeit, sondern schließen uns kurz mit dem lebendigen Grund der Kirche. Wir verleugnen nicht die Geschichte der Kirche und suchen Gott, der vorher war – sondern wir finden Gott in der Kirche am Werk. So wie Gott selbst ist auch das Fundament, das Gott in den Aposteln gelegt hat, ein lebendiger Grund. Er findet seinen lebendigen Ausdruck zwar auch im Petrusamt (und auch deshalb sind wir hier, um dem Papst zu begegnen), dieser lebt aber genauso wie die ganze Kirche von der lebendigen Zeugenschaft und Zugewandtheit der Apostel. Das riesige Netz, das Gott in seiner Kirche in der ganzen Welt gewoben hat, steht letztlich nur deshalb unter Strom und ist voller Energie, weil Gott immer noch am Werk ist – und bleibt.

Deshalb sind wir hier: Um uns dieses bleibenden Grundes zu versichern; uns «kurzzuschließen» mit dem Grund, auf dem wir stehen. Dem Heute aufgeschlossen und der Zukunft verpflichtet. Wir sind hier, um zu beten; weil wir glauben, dass uns das Gebet mit Gott, allen Aposteln und Heiligen und letztlich mit der ganzen heutigen Kirche verbindet. Diese Verbindung müssen wir pflegen, hüten und hegen. Damit wollen wir immer neu beginnen. Möge alles, was wir in diesem Sinne tun, ein bleibender und heilsamer, immer neuer Anfang sein. Amen.

Pfarrer Peter van Briel, Predigt zu Beginn der Wallfahrt am 4. Januar in der Kirche Santa Maria della Pietá am Campo Teutonico


Herrschen oder Dienen?

Liebe Schwestern und Brüder,

wenn Sie gestatten, möchte ich in meiner Predigt ein wenig ausgreifen und schon einmal das Evangelium des morgigen Tages in den Blick nehmen. Dort hören wir von der Brotvermehrung. (Mk 6, 34-44)

Ein bleibendes Missverständnis

Nachdem Jesus lange gepredigt hat und nun auf die große und hungrige Menschenmenge schaut, fordert er die Apostel auf: «Gebt ihr ihnen zu essen!» (Mk 6, 37). Diese sind entsetzt. Sind sie etwa dazu Apostel geworden, um nun zum Bäcker oder zumindest Caterer zu werden? Sie haben den Messias gefunden und wollen nun mit ihm herrschen! Die Versorgung von 5.000 Menschen mit Brot und Fisch ist nicht nur unter ihrer Würde – sondern geht offensichtlich auch über ihre Kräfte. Das Amt der Apostel hatten sie sich wohl anders vorgestellt.

Es scheint also kein Problem der heutigen Zeit zu sein, die Nachfolge Jesu vor allem im Anteil an Seiner Königsherrschaft zu sehen und Machtfülle und Herrschaftsfantasien mit der Übernahme des Amtes zu verbinden. Das Missverständnis gab es auch schon bei den Aposteln – und seitdem zu allen Zeiten bis heute.

Die Pyramide der kirchlichen Herrschaft

So sehen auch heute noch viele die Amtskirche, die ja anscheinend eine wunderbar gestaltete Pyramide der Macht ist. Ganz oben regiert der Papst – davon gibt es immer nur einen, auch wenn wir noch den Papa emeritus im Vatikan haben. Die Römer sprechen gelegentlich sogar davon, dass zur Zeit im Vatikan auf einem Quadratkilometer 4 Päpste wohnen. Das relativiert sich, wenn man weiß, dass das Gebiet des Vatikans halt nur einen halben Quadratkilometer groß ist.

Der Papst regiert die Bischöfe der Welt (zumindest die katholischen Bischöfe, wovon es weltweit knapp 5.400 gibt), diese regieren die Priester (davon gibt es wiederum weltweit etwa 415.000) und durch die Priester die Getauften in den Gemeinden. Es gibt also eine Hierarchie mit ungefähr 420.000 Amtsträgern, die über die 1,4 Milliarden Katholiken herrschen und von diesen bezahlt werden. Und, bevor wir sie vergessen: Dann gibt es noch die restliche Weltbevölkerung, die wohl 6,5 Milliarden Nicht-Katholiken umfasst. Aber die spielen scheinbar keine Rolle.

Da fragt sich sicher der eine oder andere, ob das wirklich nötig ist, zeitgemäß und hilfreich. Da gibt es Stimmen, die ganz für die Abschaffung der Amts-Pyramide sind – und andere, die dann zumindest Teil dieses Machtapparates sein wollen. Manchmal wird auch beides zugleich gefordert. Und nicht ganz zu Unrecht berufen sich einige dabei auf Jesus.

Natürlich betonen gerade die Machtinhaber der Kirche, dass alle – die oben in der Pyramide und die ganz unten – Teil der einen Kirche sind. Dennoch kann man diese Teile unterscheiden. Während die Hierarchie als der petrinische Teil beschrieben werden kann, lässt sich der größere Teil der Nicht-Geweihten als marianische Kirche beschreiben. So nett diese Zuschreibung ist: Sie macht – so gesehen – nicht viel Sinn.

Die umgekehrte Pyramide

Ganz anders stellt sich das alles jedoch dar, wenn wir den Inhalt des heutigen Evangeliums bedenken. Das hätten auch die Apostel damals schon tun können, als sie bei der Brotvermehrung von der Aufforderung Jesus überrascht waren. Denn in Mt 4, 12-17.23-25 hören wir vom ersten Auftreten Jesu: Nicht etwa als neuer Herrscher, Messias-König oder göttlicher Statthalter. Sondern von Jesus, der den Menschen dient, sie heilt und ihnen das Wort verkündet. Gott errichtet sein Reich nicht, indem er herrschaftliche Anweisungen erteilt, wie man es bei einem absolutistischen Machthaber erwarten würde. Jesus gewinnt die Menschen, indem er ihnen zu Diensten ist – indem er ihrem Heil dient.

Das mussten auch die Apostel lernen: Jedes Amt ist ein Dienstamt, und das müssen alle Amtsinhaber genauso vor Augen haben wie alle Kritiker der Amtspyramide. Denn diese Pyramide ergibt nur einen Sinn, wenn wir sie «nach unten klappen». Sie ist eine Dienst-Pyramide. Ganz unten steht der Papst, der den Titel «Diener der Diener» nicht zu Unrecht führt. Die beiden Kreuze «+ +», die er in jeder Unterschrift vor seinen Namen zeichnet, stammen von dem Kürzel für Diener – zwei Kreuzchen also für «Diener der Diener» – und erinnern ihn selbst und alle Gläubigen, dass sein Amt das niedrigste Amt ist. Er dient der Kirche, indem er den Bischöfen dient und sie in ihrem Amt, das ebenfalls ein reines Dienstamt ist – auch sie machen ein kleines Kreuz vor ihrem Namen, stärkt, ermutigt und ermahnt. So sagt Jesus zu Petrus: «Du aber, wenn du dich bekehrt hast, stärke deine Brüder!» Lk 22, 32.

Die Bischöfe aber dienen – zusammen mit den Priestern – den Getauften. Es ist ihre Aufgabe, den Getauften und Gefirmten in ihrem Christsein zu dienen: Durch die Sakramente, die Verkündigung des Glaubens und die Leitung der Gemeinden.

Das Zentrum der Kirche

Das Zentrum der Kirche ist jedoch das Volk Gottes, die Gemeinschaft der Getauften, die zum Allgemeinen Priestertum Berufenen – nicht die Hierarchie, nicht das Amt und nicht der Papst. Die ganze Hierarchie dient der Entfaltung der Charismen, die den vielen Getauften und Gefirmten in so reichem Maße geschenkt wurde. Hier – im Volk der Getauften – findet sich die wahre Kirche, der wir Amtsträger alle dienen. Und wir können aus gutem Grund sagen, dass sich diese eigentliche Kirche vor allem in den Familien findet, deren Schutz, Wohl und Auftrag erstes Anliegen aller Amtsträger sein muss.

Diese 1,4 Milliarden Getauften sind zwar Zentrum der Kirche, aber nicht Selbstzweck. Während im falschen Bild der Machtpyramide die restliche, nicht-christliche Weltbevölkerung im Grunde keine Rolle spielt, ist die Kirche im korrigierten Bild auf die Heiligung der Welt hingeordnet: Denn die ganze Kirche dient der Verkündigung des Glaubens an die Weltbevölkerung; der Ausbreitung des Reiches Gottes und der wahren Freiheit der Kinder Gottes.

Die Kirche ist also mehrfach gestaffelt in ihrem Dienst: Während der Heilige Vater den Dienst der Einheit an dem Kollegium der Bischöfe vollzieht – als Diener der Diener –, dienen die Bischöfe zusammen mit den Priestern dem ganzen Volk Gottes – und dieses wiederum allen Menschen der ganzen Welt, damit diese ihre Vollendung finden in Christus.

Die wahre Freiheit und Macht

Nun mag es sein, dass manches Dienstpersonal mit so vielen Privilegien ausgestattet ist, dass es angezeigt scheint, eher Teil des Dienstpersonals zu werden, als sich der Berufung zur Heiligung der Welt zu stellen. Aber die vielen Prachtgewänder und teuren Immobilien täuschen:

Auch in unserer Zeit liegen die wahre Freiheit und Machtfülle bei den Laien, den Getauften und Gefirmten. Wenn Papst, Bischöfe und Priester – so wie auch anderes Dienstpersonal – wertvolle Dienstkleidung tragen, so ist das doch ein Zeichen ihrer Unfreiheit. Stellen Sie sich vor, allen Christen wird eine – je nach Kirchenzeit – wechselnde Kleidervorschrift gemacht…! DAS wäre tatsächlich ein Eingriff in die Selbstbestimmung der Getauften. Für uns Priester – Bischöfe und Päpste eingeschlossen – ist dagegen eine klare Kleidervorschrift selbstverständlich.

Jeder Laie kann dagegen frei entscheiden, welche Kleidung er bevorzugt. Und, noch viel wichtiger: Wie er wirken will; wie vorgegangen werden soll, um die Herzen auch der Nicht-Getauften zu erreichen, welche Initiativen er ergreift und welche Politik er unterstützt. Laien können jederzeit Vereinigungen gründen, das ist ihr verbrieftes Recht. Bei uns Priestern hat der Bischof immer ein Auge auf solche Dinge – Laien sind da viel freier! Sie können politisch entscheiden, wie der christliche Glaube in die Gesellschaft hineinwirken soll. Und vor allem: Sie sind frei in der Kindererziehung, der Weitergabe des Glaubens, der Formung und Erziehung zur Heiligkeit. Die wahre Freiheit und Macht liegen bei den Laien.

Relativierung der Hierarchie

Deshalb verstehe ich auch nicht, warum immer wieder Forderungen erhoben werden, im Namen der Gleichberechtigung, Freiheit und Bevollmächtigung, allen Zutritt zu den Dienstämtern zu gewähren. Alle, die dort eingebunden werden, verlieren große Teile ihrer Freiheit zugunsten des eng umrissenen Dienstes des Weiheamtes.

Das Bild der umgekehrten Pyramide verändert vieles: Auch der Gedanke, warum wir uns eine so kostspielige Machtpyramide leisten, wird reduziert auf die Frage, wie die Kirche gutes Dienstpersonal findet und woran sie es erkennt. Ich persönlich finde den Gedanken gar nicht so schlecht, dass ich von meiner Gemeinde ernährt werde, damit ich dort meinen priesterlichen Dienst versehe. In vielen ärmeren Gegenden dieser Welt ist das gang und gäbe: Eine Gemeinde ist für den Unterhalt ihres Priesters verantwortlich. Dienstpersonal ist manchmal schwer zu finden!

Ich möchte diese neue Sicht auf die Hierarchie und vor allem auf die Berufung der Laien, Herz und Zentrum der Kirche zu sein, hier nicht weiter ausfalten. Natürlich bieten sich viele weitere Gedanken an, die sich aus der veränderten Wahrnehmung ergeben – und vor allem auch Reformen, die dringend nötig sind, um die eigentliche Berufung aller Getauften und Gefirmten im Allgemeinen Priestertum mit neuem Leben zu füllen. Dafür steht die Initiative «Neuer Anfang».

Nochmal: Das Marianische und Petrinische Prinzip

Eine Bemerkung sei mir aber noch gestattet, die im Grunde alles bisher Gesagte geprägt hat. Wir haben oben festgestellt, dass die Identifizierung der Kirche mit Maria und die Charakterisierung der Hierarchie mit dem Petrusdienst so lange keinen Sinn ergibt, wie wir am falschen Bild der Machtpyramide festhalten.

Mit dem besseren Bild der heruntergeklappten Pyramide der Dienste erstrahlt aber genau diese Aufteilung in neuem Licht: Das Zentrum der Kirche ist Maria; oder mehr: Die Kirche ist weiblich und findet ihr Idealbild in Maria. Alle in der Kirche, auch die Geweihten, sind die Braut, die Jesus heiligt und zum Hochzeitsmahl führen will. Wir brauchen den Dienst der Frauen, die uns in das Wesen des Braut-Seins einführen und darin unterrichten!

Maria, der Braut aus Nazareth und der Mutter der Kirche, dient Christus als der Bräutigam – und gibt den geweihten Bischöfen, Priestern und Diakonen Anteil an diesem petrinischem Dienst. Die Diener stehen aber nicht höher als der Herr (Joh 13,16), und wenn Jesus schon «wie einer ist, der dient» (Lk 22, 27), dann kann der Dienst der Geweihten nichts anderes sein als der Dienst an der Kirche. Der petrinische Dienst erfährt seine Ausrichtung allein durch den Dienst an der (marianischen) Kirche, nicht um sie selbst in die Enge des Dienstamtes zu führen, sondern zur Entfaltung der ihr eigenen Berufung in die größte Freiheit, die es gibt: Die Freiheit, Kind Gottes zu sein. Amen.

Pfarrer Peter van Briel, Predigt am 7. Januar in der Kirche Santa Maria della Pietá am Campo Teutonico

Weiterführende Katechese finden Sie hier unter dem Link bei Kirche 2.0 

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