Karneval ist vorbei. Wir lassen die Masken fallen – “Hoffentlich nicht!”, meint Kerstin Goldschmidt und unterscheidet, welche Masken man zum eigenen Wohl und zum Wohl der anderen behalten darf oder sogar sollte.
Wir befinden uns in der zweiten Woche der Fastenzeit. In vielen Predigten zu Beginn hieß es:
Jetzt dürfen die Masken fallen. Mehr Ehrlichkeit. Mehr Authentizität. Umkehr statt Inszenierung. Raum für den Heiligen Geist statt für fromme Fassade.
Und ja – das ist richtig. Umkehr braucht Wahrheit. Beziehung braucht Echtheit. Glaube braucht ein ungeschminktes Herz.
Aber ich beobachte noch eine andere Form des „Masken-fallen-Lassens“ – und sie bereitet mir zunehmend Unbehagen.
Persönliche Animositäten
Ein Blick in die sozialen Medien genügt. Oder in so manche Debatte über Gendergerechtigkeit, Diskriminierung oder politische Empfindlichkeiten. Wir scheinen in einem Dauerzustand kollektiver Befindlichkeit angekommen zu sein. Alles wird ausgesprochen. Jede Irritation bekommt Bühnenlicht. Jede Kränkung wird öffentlich seziert. Die Masken sind gefallen – und zum Vorschein kommt nicht selten ein gesellschaftliches „Mi-mi-mi“, das weniger mit Mut zur Wahrheit als mit mangelnder Selbststeuerung zu tun hat.
Wo bleibt die Fähigkeit zur inneren Sortierung?
Wo bleibt die gesunde Distanz zwischen eigenem spontanen Gefühl und dem, was ich meinem Gegenüber zumute?
Nicht jede Emotion ist ein Sendungsauftrag. Nicht jede Verletztheit verlangt Publikum. Und nicht jeder innere Stau muss auf der Autobahn der Öffentlichkeit ausgetragen werden, bis endlich jemand kommt und einen seelischen Pannendienst mit Kopfstreichler spielt.
Gesunde Masken
Ich plädiere für gesunde Masken.
Nicht aus Angst vor Nähe. Nicht aus Verdrängung. Sondern aus Verantwortung. Es ist ein Akt der Reife, zu unterscheiden: Wem kann ich was zumuten? In welcher Beziehung darf ich welche Tiefe öffnen? Nicht jede Begegnung ist ein Beichtstuhl. Nicht jede Diskussion eine Therapiesitzung.
Fasten heißt auch: Maß halten.
Auch mit der eigenen Gefühlswelt.
Ich darf wohlüberlegt entscheiden, vor wem ich welche Maske ablege. Ich darf Nähe und Distanz austarieren. Ich darf meine Emotionen erst prüfen, bevor ich sie in Umlauf bringe. Und ich darf meinem Gegenüber ersparen, was ich selbst noch nicht verarbeitet habe.
Vielleicht besteht die eigentliche geistliche Übung dieser Wochen nicht nur darin, Masken fallen zu lassen – sondern darin, bewusst zu wählen, welche wir aus gutem Grund behalten.
Denn nicht jede Maske ist Lüge.
Manche sind schlicht Höflichkeit.
Und andere sind Ausdruck innerer Disziplin.
Kerstin Goldschmidt,
Jahrgang 1975, verwitwet. Als selbständige Personalberaterin, Trainerin, Coach und Moderatorin begleitet Kerstin Goldschmidt Menschen und Organisationen in Veränderungsprozessen. Ihr Engagement für den Neuen Anfang entspringt der Freude, gerne von der Schönheit und Fülle des Evangeliums zu sprechen. Die geistliche Tiefe und Vielfalt der katholischen Kirche erlebt sie täglich als inspirierende Schatzkammer.
Beitragsfoto: ©Adobe Stock, Axel Bueckert

