Mit wissenschaftlichem Unfug über die Frage der Geschlechter und waghalsigen Forderungen zur Neubewertung jeglicher Sexualität schmeichelt sich der Essener Bischof Overbeck an die LGBT-Community. Das ist reichlich obskur, kommentiert Bernhard Meuser. Ein Bischof muss sich zwischen Neuem Testament und Christopher Street Day entscheiden.

Katholischen Christen wird gerade eine Achterbahn der Gefühle zugemutet – einmal vom Tollhaus ins Freudenhaus und zurück. Kaum hat man sich erholt, geht es in neue, nie gekannte Niederungen. Den nächsten fliegenden Absturz vollbringt gerade der Bischof aus Essen, der sich am 20. Oktober mit Menschen aus der LSBTIQ*-Community traf und ihnen gutgelaunt eine neue Kirche vorführte, in der es für ihn zwar noch nicht möglich sei, beim nächsten Christopher-Street-Day die Regenbogenfahne voranzutragen („Ich muss den ganzen Laden zusammenhalten. Sie glauben nicht, was man da alles in den Regalen findet“), – er stehe aber für eine Kirche, in der man endlich realisiert habe, dass die Vielfalt der sexuellen Identitäten eine naturwissenschaftlich gut begründete Tatsache sei. Beim Sex gehe es schließlich nicht allein um Fortpflanzung, sondern vor allem um die Beziehungsfähigkeit des Menschen. Deshalb sei es an der Zeit, dass die Kirche sexuelle Akte anders bewerte – „und zwar alle sexuellen Akte“, nicht nur die innerhalb einer Ehe zwischen Mann und Frau.

Nachhilfe in Biologie von der Nobelpreisträgerin

Die zuwiderlaufenden, etwas älteren Auffassungen der Kirche verweist der Bischof herablassend in die homophobe rechtskatholische Ecke. Bevor man dem Essener Oberhirten das Neue Testament vor Augen hält, in dem er augenscheinlich lange nicht mehr gelesen hat, muss man ihm Nachhilfe in Biologie anbieten. Dafür zu gewinnen wäre etwa die Evolutionsbiologin und Nobelpreisträgerin in Medizin und Physiologie, Christiane Nüsslein-Volhardt. Sie verweist die Ansicht, es gäbe mehr als zwei Geschlechter ins Reich der Wissenschaftsmärchen:

„Bei allen Säugetieren gibt es zwei Geschlechter, und der Mensch ist ein Säugetier. Da gibt es das eine Geschlecht, das die Eier produziert, zwei X-Chromosomen hat. Das nennt man weiblich. Und es gibt das andere, das die Spermien produziert, ein X- und ein Y-Chromosom hat. Das nennt man männlich.“ Und auf die Frage, ob man Menschen nicht das Recht auf eine neue Identität, sein Wunschgeschlecht, zugestehen müsse („Dieser Mensch ist gar kein Mann, sondern er ist eigentlich eine Frau“), antwortet Prof. Nüsslein-Volhardt: „Das ist Quatsch! Es ist Wunschdenken. Es gibt Menschen, die wollen ihr Geschlecht ändern, aber das können sie gar nicht. Sie bleiben weiterhin XY oder XX.“

Verständnis statt Unfug

Die Empirie (und nicht etwa ein konservatives Ressentiment) belehrt den Bischof und die Welt darüber, dass es nur zwei Geschlechter gibt, freilich eine Vielzahl von Menschen, die nicht in Identität mit ihrem biologischen Geschlecht leben. Das ist häufig ein menschliches Drama, mit dem man – wie es Papst Franziskus in Amoris Laetitia macht – unpolemisch und verständnisvoll umgehen muss, um die Würde dieser Menschen nicht zu verletzen. Ihre Sympathie aber mit naturwissenschaftlichem Unfug zu gewinnen, ist unredlich. Es ist genau der Obskurantismus, den der Bischof seinen Kritikern vorwirft. Unter Obskurantismus versteht man das Bestreben, Menschen bewusst in Unwissenheit zu halten, ihr selbstständiges Denken zu verhindern.

Zwischen Unmöglichkeit und Vergebung

Wenn der Bischof nun ein Übriges tut, indem er sexuelle Akte außerhalb der Ehe neu bewertet „und zwar alle sexuellen Akte“, verstößt er nicht nur konkret gegen die explizite Weisung des Heiligen Stuhles vom 21. Juli 2021; er verstößt auch gegen den 2000 Jahre lange gehaltenen Konsens der Gesamtkirche, wonach der authentische Ort von Sexualität ausschließlich die Ehe zwischen Mann und Frau ist. Das mag streng erscheinen, ja kaum lebbar, aber die Kirche wird je etwas Anderes sagen können, als das, was der amerikanische Bischof Robert Barron einmal so formulierte:

„Die Anforderungen herunterzuschrauben, weil sie hart sind und die meisten Menschen Schwierigkeiten haben, sie zu verwirklichen, bedeutet, den Sinn und Zweck der Kirche selbst zu gefährden. Es gibt aber auch eine Kehrseite der Medaille. Die Kirche verbindet ihre außerordentlichen moralischen Forderungen mit einem außerordentlich nachsichtigen Bußsystem. Sie vermittelt die unendliche Barmherzigkeit Gottes an diejenigen, die diesem Ideal nicht gerecht werden (also praktisch an alle). Deshalb ist ihre Vergebung so großzügig und so absolut. Wenn man diese beiden Extreme begreift, versteht man den katholischen Ansatz in der Moral.“

Entweder Neues Testament oder Christopher Street Day

Man könnte jetzt noch anfügen, dass sich der Bischof eine Last aufbürdet, die ihn die nächsten Jahre beschäftigen dürfte: Er müsste neben der Bereinigung anderen Bibelbaustellen die (schnell gezählten) 33 Stellen aus dem Neuen Testament uminterpretieren, in denen Jesus und die neutestamentlichen Autoren, die „porneia“ (= Unzucht) geißeln; und er müsste der Überzeugung des hl. Paulus etwas entgegensetzen, der die lusttechnisch etwas anfälligen Christen in Korinth darauf hinwies: „Täuscht euch nicht! Weder Unzüchtige noch Götzendiener, weder Ehebrecher noch Lustknaben, noch Knabenschänder, noch Diebe, noch Habgierige, keine Trinker, keine Lästerer, keine Räuber werden das Reich Gottes erben.“ (1 Kor 6,9-10)

Vielleicht wird der Bischof von Essen eines Tages dem Christopher-Street-Day die Regenbogenfahne vorwegtragen. Aber dann wird er nicht mehr Bischof von Essen sein.

 


Bernhard Meuser
Jahrgang 1953, ist Theologe, Publizist und renommierter Autor zahlreicher Bestseller (u.a. „Christ sein für Einsteiger“, „Beten, eine Sehnsucht“, „Sternstunden“). Er war Initiator und Mitautor des 2011 erschienenen Jugendkatechismus „Youcat“. In seinem Buch „Freie Liebe – Über neue Sexualmoral“ (Fontis Verlag 2020), formuliert er Ecksteine für eine wirklich erneuerte Sexualmoral.

Foto (bearbeitet): Bistum Essen | Nicole Cronauge

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