Abtreibung ist die „Gretchenfrage“ der feministischen Szene – das bringt den deutschen Politkatholizismus ins Dilemma: Katholisch bleiben, oder modern sein wollen? ZdK-Chefin Irme Stetter-Karp versucht sich durchschaubar an der Quadratur des ethischen Kreises.

Die internationale linke Szene ist kunterbunt, und beim besten Willen auf keinen gemeinsamen Nenner zu bringen. Das Spektrum lässt die ganze Bandbreite aufklärerischer, liberaler, emanzipatorischer, ökologischer, feministischer (und …) Farben zu. Man darf für alles und gegen alles sein; aber eines darf man nicht sein: Pro-Life. Mit diesem Bekenntnis tritt man aus der Weltreligion der aufgeklärten Menschheit – in Sonderheit aus dem Feminismus – aus. Sofort. Unwiderruflich. Für immer. Das ist ungefähr so, als würde man in einer afghanischen Moschee Halleluja singen. Den deutschen Politkatholizismus, der auf dem Synodalen Weg verzweifelt Anschluss an die Moderne sucht, bringt das in eine fatale Lage. Pro-Life ist biblisch in Erz gegossen („Du sollst nicht töten/morden“, Dt. 5,17) – Pro-Life ist aber auch das Ausschlusskriterium von der Moderne.

Es geht um die Rechte zweier unterschiedlicher Menschen

Nachdem die neue Regierung in Berlin den §219a gekippt hat, konnte man auf den Tag warten, an dem sich das Zentralkomitee der deutschen Katholiken an der Quadratur des Kreises versucht. ZdK-Chefin Irme Stetter-Karp enttäuscht diese Erwartung nicht. Ihr Gastbeitrag in Zeit online trägt die Headline „Recht auf Leben, Recht auf Selbstbestimmung“. Die Überschrift fasst den intellektuellen Eiertanz zwischen Welt und Kirche, Feminismus und den Zehn Geboten hinreichend zusammen.

Präziser müsste die Überschrift nämlich lauten: „Recht des Kindes auf Leben, Recht der Mutter auf Selbstbestimmung“. Und nimmt man die Logik hinzu, kommt man zu Sätzen wie: “Wenn es ein Recht des Kindes auf Leben gibt, dann ist dieses Lebensrecht die Grenze des Rechtes einer Frau auf Selbstbestimmung“ – oder: „Das Recht der Frau auf Selbstbestimmung bezieht sich ausschließlich auf sie selbst, nicht auf andere Menschen, auch nicht, wenn sie ihrem Schutz anvertraut wurden“, oder: „Kinder gehören nicht den Frauen, die sie zur Welt bringen“, oder (noch kürzer): „Du ist nicht Ich.“

Nicht mehr als ein sophistischer Trick

Der Dreh, mit dem Frau Stetter-Karp Anschluss an die feministische Community sucht: Sie organisiert kurzerhand ein Nebeneinander von Lebensrecht und Selbstbestimmungsrecht. Gott sei es gedankt: Das gibt es nicht, kann es nicht geben. Wie es immerhin auch die deutschen Verfassungsrichter sahen, als sie ihr berühmtes „rechtswidrig, aber straffrei“ formulierten, genießt das Lebensrecht unbedingten und absoluten Vorrang vor weiteren Rechten. Ein wohlgeordneter, frauenfreundlicher Abgleich von gleichrangigen Rechten, wie sich Frau Stetter-Karp das wünscht, bleibt Fiktion.

Es ist also nicht mehr als ein sophistischer Trick, womit Irme Stetter-Karp ihren Applaus für die Abschaffung des Werbeverbotes §219a begründet. Und um den ethischen Ernst moderner Kirchenmenschen zu demonstrieren, hängt sie gleich noch eine ordentliche Forderung hinten dran: Nun müsse aber auch sichergestellt werden, „dass der medizinische Eingriff eines Schwangerschaftsabbruchs flächendeckend ermöglicht wird. Das ist derzeit nicht der Fall, weil insbesondere im ländlichen Raum – unabhängig von seiner konfessionellen Prägung – die gynäkologische Versorgung fehlt. Eine Reflexion darüber, wie das Angebot sichergestellt werden kann, steht an – was auch die Schulung von Ärzt*innen in der Ausbildung umfasst.“

War da nicht dieser Hippokratische Eid?

Sehr interessant! Ich stelle mir gerade bekennende junge Christinnen und Christen in der ärztlichen Ausbildung vor, denen übler Weise der Hippokratische Eid in die Hände gespielt wurde. Zur Erinnerung an diesen menschenrechtswidrigen Text, der bald wohl nur noch geheim von Hand zu Hand gereicht werden wird, weil das Europaparlament seine Verbreitung bestimmt demnächst unter Strafe gestellt hat: „Ich werde niemandem, auch auf eine Bitte nicht, ein tödlich wirkendes Gift geben und auch keinen Rat dazu erteilen; gleicherweise werde ich keiner Frau ein fruchtabtreibendes Zäpfchen geben: Heilig und fromm werde ich mein Leben bewahren und meine Kunst.“

Noch eine Prise Ethik hinterher

Und um uns von der frommen Fraktion nicht ganz zu vergraulen, lässt uns Frau Stetter-Karp noch wissen: „Das ZdK tritt dafür ein, dass ein Schwangerschaftsabbruch nicht als reguläre medizinische Dienstleistung betrachtet wird. Es ist kein regulärer Eingriff und darf auch nicht als solcher behandelt werden! Wir machen uns für ein ethisch verantwortetes Handeln aller Beteiligten stark.“ Boah, das wird die linksgrüne Bundesregierung aber tief beeindrucken, wenn sie demnächst auch § 218 kippt.

Ich habe Kopfschmerzen. Ich schwitze. Habe Anfälle von Fremdschämen. Fühle mich wie in einem schlechten Film! Die Lage ist verzweifelt. Ich bin in Sippenhaft. Ich bin katholisch.


Bernhard Meuser
Jahrgang 1953, ist Theologe, Publizist und renommierter Autor zahlreicher Bestseller (u.a. „Christ sein für Einsteiger“, „Beten, eine Sehnsucht“, „Sternstunden“). Er war Initiator und Mitautor des 2011 erschienenen Jugendkatechismus „Youcat“. In seinem Buch „Freie Liebe – Über neue Sexualmoral“ (Fontis Verlag 2020), formuliert er Ecksteine für eine wirklich erneuerte Sexualmoral.

 

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