Freiheit ist Schöpfungsgeschenk, das ohne Gott selbst nicht gedacht werden kann. Dr. Helmut Müller nimmt mit auf eine philosophische Zeitreise der menschlichen Gebrochenheit zwischen Natalität und Mortalität.

Wir kommen alle, ob Frau, ob Mann mit einem Bauchnabel auf die Welt. Zeit unseres Lebens werden wir durch ihn daran erinnert, dass wir verdankte Existenzen sind, in mütterlicher Linie in einer infinitesimalen Reihe aus einem unerkennbaren Urgrund her in diese Welt kommen. Aus vermutlich eben so weit zurückreichender Erfahrung wissen wir, dass wir uns in dieser Linie jeweils einem Beziehungsgeschehen – in idealer Weise – der Liebe zwischen Mann und Frau verdanken. Beide werden dadurch jeweils Vater oder Mutter. Idealerweise verdanken wir also unsere Existenz einem intensiven Ausdruck verleiblichter Liebe, die bleibend einen Rahmen unseres Ankommens in dieser Welt sein sollte.

Der Bauchnabel erinnert uns aber auch daran, dass wir uns unter großen Schmerzen aller Beteiligten regelrecht durch einen engen Geburtskanal in diese Welt hinein gequält haben. Großes Glück, tiefe Freude aber auch enorme Schmerzen, nicht selten auch großes Leid stehen am Anfang unseres Lebensweges. 

In der Spanne von Natalität und Mortalität

Das alles hat Menschen immer schon nachdenklich gestimmt. Die „Geburtlichkeit“ oder wie Hannah Arendt schreibt die „Gebürtlichkeit“ des Menschen ist mit ihrem Begriff der „Natalität“ verbunden. Als Philosophin, die ihren Denkansatz nicht einer Phänomenologie des Leibes verdankt und schon gar nicht einer Theologie des Leibes, begreift sie in ihrer neuzeitlichen Subjektphilosophie die Natalität nur positiv und produktiv als sozusagen absoluten Anfang der Freiheit des Menschen.

Das unheile Leben, seine Brüchigkeit, Endlichkeit versteht sie als Heidegger-Schülerin vom Ende her, von Heideggers Sein zum Tode. Sie nennt das „Mortalität“. In der Spanne von Natalität und Mortalität vollzieht sich menschliches Leben. Im Gegensatz zu Heidegger denkt sie aber einen heilen Anfang.  In diesen subjektphilosophischen Ansätzen, wie sie auch heute die Theologie dominieren, verkennt man aber die schon von allem Anfang her gebrochene menschliche Realität insofern, als sie etwa einen Begriff wie Freiheit erst in der praktisch-pragmatischen Anwendung als zweischneidig betrachten, anstatt ihn schon in der Wurzel in seiner menschlichen Gebrochenheit zu sehen.

Deshalb hat auch die traditionelle kirchliche Lehre von der Erbsünde keinen Nachhall mehr in einer so begriffenen Theologie. Freiheit wird entweder wie bei Saskia Wendel  „gottbildlich“ begriffen, also eine menschliche Freiheit von gottgleichem Maß, oder wie bei Magnus Striet wird die Definition von Freiheit gänzlich von Gott abgekoppelt, er hat mit der Freiheit des Menschen nichts mehr zu sagen.

Freiheit ist Schöpfungsgeschenk

Selbstursprünglichkeit von Freiheit – heute gerne unter dem Begriff „selbstbestimmte“ Freiheit subsumiert – wird daher nur noch positiv begriffen. Dem entgegen sollte Freiheit als Gleichursprünglichkeit mit unserer Geburtlichkeit begriffen werden. Eben diese ist eine verdankte und wie das Menschsein am Anfang in der Wurzel schon ein Gottesgeschenk.

Die nach Arendt dunkle Herkunft, philosophisch von ihr Natalität genannt, enthüllt sich schöpfungstheologisch als göttliches Geschenk, begabt mit Freiheit. Der unbekannte Verfasser von Genesis 3 verbindet aber die erste freie Handlung des Menschen schon mit einem Widerspruch, der in rätselhafter Weise das ganze göttliche Geschenk verdirbt. Der polnische, zuletzt in Oxford lehrende Philosoph Leszek Kolakowski war von dieser Erzählung in Genesis 3 so begeistert, dass er den Verfasser gerne posthum für einen antiken Literaturnobelpreis nominiert hätte.

Mit diesem Lob – sogar von einem Philosophen aus Oxford ist unsere gesamte Existenz – unsere Freiheit eingeschlossen – auf rätselhafte Weise eine gebrochene. Das will die Lehre von der Erbsünde festhalten, so rational unbefriedigt sie auch sein mag. Die Brüche in unserem Leben sind nicht erst vom Ende her zu denken als Mortalität, sondern wurzeln schon im Anfang, in unserer Natalität.

von Dr. Helmut Müller

Diesen Beitrag als Druckversion herunterladen

Melde dich für unserer Newsletter an


Newsletter Archiv