Im August 1833 begann in England ein lautloser Umschwung, der zuerst die anglikanische, darauf die ghettoartige katholische Kirche ergriff und am Ende in einer Umwälzung beider mündete: Eine Gruppe meist unbekannter junger Oxforder Theologen veröffentlichte ohne Auftrag und aus freien Stücken Traktate in dichter Reihenfolge, die den damaligen Zustand der anglikanischen Kirche angriffen und zu einer Änderung aufriefen. Sie enthielten auch Auszüge aus den Werken der klassischen englischen Theologen des 17. Jahrhunderts und aus den Kirchenvätern der Frühzeit. Sie erschienen anonym, nicht aus Feigheit, sondern um das Unpersönliche dieses Dienstes zu betonen – die Stimme der Kirche sollte sprechen, nicht ein paar junge, noch unberühmte, junge Leute.

Der Verfasser der meisten und auch des letzten Traktates hieß John Henry Newman (1801-1890). Am Schluss, mit Tract 90, brach ein wütender Gegenangriff los. Newman mußte auf Geheiß seines Bischofs das Unternehmen beenden und sah sich bösen Schmähungen ausgesetzt, „wie ein Pastetenbäcker, der vergiftete Brötchen angeboten hatte“.

Was war der Anlass der Traktate?

Im englischen Staats-Kirchen-System konnte das englische Parlament grundsätzlich auch über den Inhalt der christlichen Lehre abstimmen. Der Glaube war also von politischen Rücksichten durchzogen. Schon lagen einschneidende Vorschläge vor: das Common Prayer Book mit seiner noch weitgehend katholischen Überlieferung abzuschaffen; sektenhafte Freikirchen gleichberechtigt in das Kirchenrecht einzubeziehen; selbst Bischöfe, hieß es, wollten „überholte“ Dogmen wie Dreifaltigkeit und Sündenvergebung außer Kraft setzen. Newman selbst bemerkte in seiner späteren großartigen Apologia de vita sua von 1865, daß der Versammlungsraum der Oxforder Dozenten „ nach Logik stank“.

Die jungen Oxforder Theologen, die mit Ausnahme von William Pusey und John Keble weder bekannt noch berühmt waren, waren über den inneren Zustand ihrer Kirche entsetzt. Die Tracts wollten den Glauben, der fast schon mit der Vernunft zusammenfiel, wachrütteln; sie boten in absichtlich schroffer und eindringlicher Form die Glaubenssätze der Überlieferung, und zwar vor allem die vergessenen, aus dem alten, katholischen, vorreformatorischen Glaubensgut. Gebieterisch erhob sich die Frage: Wenn der Staat die Kirche nicht mehr tragen sollte, worauf standen dann ihr Ansehen und ihre Würde? Auf der Autorität der Apostel, auf der Weihe der Bischöfe. Aber wer wußte noch etwas vom Prinzip der apostolischen Nachfolge, wer unterschied eine Konsekration der Bischöfe von einer einfachen, ‑wenn auch noch so feierlichen und zeremoniellen ‑ Amtsbestallung? Vergessene dogmatische Begriffe tauchten auf, drängten nach Erklärung. Was war die Taufe, was bedeutete Wiedergeburt, was unterschied Priester und Laien? Die Tracts „waren klare, knappe, strenge Anrufe an Gewissen und Vernunft. Sie waren wie die kurzen, scharfen, schnellen Äußerungen von Menschen in Schmerz, Gefahr und drängender Not“, so Dean Church.

„Ich glaube, wir müssen Krach in der Welt schlagen,“ so Hurrell Froude, Newmans Freund. Gleich auf der ersten Seite des ersten Traktates hieß es von den Bischöfen: „Ihnen könnten wir, obwohl es für das Land ein trauriges Ereignis wäre, kein besseres Ende ihrer Laufbahn wünschen als den Verlust ihrer Güter und das Martyrium.“

Lytton Strachey, der agnostische, durchaus nicht kirchenfreundliche Schilderer der viktorianischen Epoche, trifft den Kern der Oxfordbewegung mit seiner ironischen Bemerkung:

„Die neue, sonderbare Vorstellung, das Christentum wörtlich zu nehmen, entzückte ernsthafte Gemüter, aber es erschreckte sie auch. Wirklich und wahrhaftig jedes Wort zu meinen, wenn man das Athanasianische Credo wiederholte! Wie wunderbar!“

Bischöfe und Universitäten gerieten in Aufruhr. Der Bischof von Chester nannte die ganze Bewegung ein Werk des Satans, der Erzbischof von Dublin, Newmans einstiger Freund und Ratgeber, eine „Pestilenz“. Newmans Name wurde in den Universitäten angeschlagen. „Auf Kanzeln, an Speisetafeln, in Kaffeestuben und in Eisenbahnwagen wurde ich als Verräter entlarvt, der seine Lunte gelegt hatte und im Akt des Anzündens ertappt worden war.“ Gehorsam gegen seinen Bischof, stellte Newman ohne Zwang die Flugschriften ein. Aber schmerzlich schrieb er an einen Freund: „Daß ich wiederum erschrecke, wenn Leute, die in gegenwärtigen und verflossenen Jahren geduldig Verleugner des Athanasianischen Credo oder der Lehre von der Wiedergeburt durch die Taufe oder des Glaubens an viele der biblischen Wunder ertrugen, sich nunmehr aufregen, wenn ein privates Mitglied der Universität in seinem Namen Behauptungen in entgegengesetzter Richtung anstellt…“

Und wieder:

„Wenn die in diesem Traktat vertretene Ansicht zum Schweigen gebracht würde, könnte ich nicht in der Kirche bleiben, und viele andere könnten es auch nicht…“

Ein Blitzlichter, nur auf die Vergangenheit?

Autorin: Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz
(im Rückgriff auf Ida Friederike Görres, Der Geopferte. Ein anderer Blick auf John Henry Newman, Vallendar (Patris) 5. Auflage 2019)

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